Offen für Spielräume: Wie Vereinbarkeit für alle funktioniert

Familie und Beruf unter einen Hut bringen? Das ist Teamsache, sagen Claudia Hansmeier und Stephan Pohlmann von Phoenix Contact in Blomberg, Westfalen. Einmal im Jahr verhandeln die kaufmännische Angestellte und ihr Vorgesetzter über ihr individuelles Arbeitsmodell. Ein Gespräch über Vertrauen, Kommunikation und die Rolle der Personalabteilung.

Bild zeigt: zwei Personen mit Laptop an Theke
Die persönliche Absprache funktioniert: Claudia Hansmeier hat als kaufmännische Angestellte bei Phoenix Contact im nordrhein-westfälischen Blomberg ein individuelles Arbeitsmodell mit ihrem Vorgesetzten Stephan Pohlmann vereinbart; Quelle: Phoenix Contact

Das Unternehmen: Phoenix Contact arbeitet in den Bereichen Elektrotechnik, Elektronik und Automation. Weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Claudia Hansmeier gehört seit 1996 dazu. Seit zwei Jahren plant und überwacht sie in der Abteilung von Stephan Pohlmann die technische Integration verschiedener neuer Tochtergesellschaften auf der ganzen Welt.

Die Herausforderung: 2012 brachte Claudia Hansmeier ihren Sohn zur Welt. Anderthalb Jahre später kehrte sie in Vollzeit aus der Elternzeit an ihren Arbeitsplatz zurück – doch der Spagat zwischen Familie und Beruf kostete mehr Kraft als erwartet.

Die Lösung: Mit vollzeitnaher Teilzeit, Gleitzeit, Telearbeit und viel Vertrauen schufen beide Seiten ein Modell, das für alle Beteiligten bis heute passt.

Frau Hansmeier, Herr Pohlmann, auf einer Skala von 1–10: Wie zufrieden sind Sie mit der jetzigen Lösung?

Claudia Hansmeier: Als Mutter würde ich die vollen zehn Punkte vergeben. Ich habe den Spielraum, den ich brauche, um Familie und Beruf gut zu organisieren.

Stephan Pohlmann: Als Vorgesetzter liege ich ein bisschen darunter, vielleicht bei acht Punkten. Natürlich wäre mir eine Vollzeit lieber. Es gibt reichlich Aufgaben, die ich noch vergeben könnte. Andererseits nützt es mir nichts, wenn meine Beschäftigten körperlich anwesend sind, mit dem Kopf aber nicht. Je mehr Ruhe sie haben, desto besser ist das für das gesamte Team.

Wie ist Ihnen klar geworden, dass Sie das Thema Vereinbarkeit ansprechen müssen?

Claudia Hansmeier: Ich bin nach der Elternzeit zunächst in Vollzeit zurückgekehrt, das waren 35 Stunden pro Woche. Nach einem Jahr war mir klar, dass dieses Modell für mich nicht funktioniert. Der Kraftakt, alles am Laufen zu halten, war zu groß. Mit meinem damaligen Vorgesetzten habe ich sehr offen darüber gesprochen. Er hat ja mitbekommen, wie anstrengend die Zeit für mich war. Irgendwann habe ich dann einen Termin mit der Personalabteilung vereinbart.

Hatten Sie da schon eine Idee, wie Sie die Situation für sich lösen wollten?

Claudia Hansmeier: Ich dachte an Teilzeit, aber die Personalabteilung hat mir erklärt, dass es bei Phoenix Contact noch viel mehr Möglichkeiten gibt, flexibel zu arbeiten. Es gibt um die 100 Arbeitszeitmodelle, Telearbeit und Gleitzeit. Ich habe das dann mit meinem Chef besprochen. Gemeinsam haben wir entschieden, dass ich auf 30 Stunden pro Woche reduziere und einen Telearbeitsplatz bekomme. Das war innerhalb von vier Wochen umgesetzt.

Gab es jemals einen Moment, in dem Sie erwogen haben, das Problem für sich zu behalten, um Ihre Karriere nicht zu gefährden?

Claudia Hansmeier: Nein, ich hatte da nie Berührungsängste. Wir haben hier im Unternehmen eine offene Kommunikation, auch über private Belange. Ich wusste von anderen Kolleginnen und Kollegen, dass sie ähnliche Situationen gut gelöst haben. Daher war mir klar, dass alles durchgehen würde, was für mich und die Firma praktikabel ist.

Herr Pohlmann, vor zwei Jahren ist Frau Hansmeier zu Ihnen in die IT-Abteilung gewechselt. Was war Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass sie nur im Gesamtpaket mit ihrem individuellen Arbeitsmodell zu haben ist?

Stephan Pohlmann: Das wusste ich ja von Anfang an. Bei uns in der IT ist Vereinbarkeit vielleicht noch nicht so üblich. In allen anderen Teilen des Unternehmens allerdings gibt es viele Beschäftigte, die eines oder mehrere Instrumente nutzen, um Familie und Beruf gut zu organisieren. Als der Wechsel feststand, sind wir in der Abteilung noch einmal alle Termine und Arbeitsprozesse durchgegangen, um die Aufgaben zu verteilen. Frau Hansmeier betreut keine ausländischen Unternehmensteile mit großer Zeitverschiebung, weil sie da mitunter auch zu ungewöhnlichen Zeiten verfügbar sein müsste. Einige fixe Besprechungen haben wir so verlegt, dass sie in jedem Fall teilnehmen kann.

Claudia Hansmeier: Dafür komme ich meinem Team entgegen, wo immer das geht. Wenn Herr Pohlmann eine Dienstreise ankündigt und ich ein wenig Vorlauf habe, kann ich mir das privat gut organisieren. Vereinbarkeit ist eben immer ein Geben und Nehmen.

Woher wissen Sie als Vorgesetzter, welchen Spielraum Ihnen Ihr Unternehmen einräumt, Vereinbarkeit zu schaffen?

Stephan Pohlmann: Ich habe natürlich die volle Freiheit, die Arbeit in meiner Abteilung selbstständig zu organisieren. Wir arbeiten ergebnisorientiert und haben in unserem Bereich relativ wenig Kundenkontakt. Insofern kann ich im Einzelfall einschätzen, wo ich entgegenkommen kann, ohne dass unsere Abläufe zusammenbrechen. Mein Verständnis von Führung ist es ohnehin, Aufgaben zu verteilen, nicht aber vorzuschreiben, wie meine Beschäftigten diese Aufgaben zu lösen haben. Das setzt eine gewisse Reife voraus, und deshalb vertraue ich darauf, dass sie mit ihren Spielräumen verantwortungsbewusst umgehen.

Wenn das alles individuell abgesprochen wird, braucht es für die Vereinbarkeit dann eigentlich noch die HR-Abteilung?

Stephan Pohlmann: Dahin habe ich sogar relativ viel Kontakt. Meine Aufgabe als Führungskraft ist erst einmal herauszufinden, worum es überhaupt geht und welche Bedürfnisse meine Beschäftigten haben. Das gleiche ich mit den betrieblichen Abläufen ab. Wenn wir eine Richtung gefunden haben, brauchen wir dazu aber noch eine Vereinbarung, die arbeitsrechtlich sicher sein muss. Darum kümmert sich unsere HR-Abteilung. Da kann jeder hingehen und sich beraten lassen, die Führungskräfte und die Beschäftigten auch. Das geht eigentlich auch immer ganz unkompliziert am Telefon oder im persönlichen Termin.

Gab es zwischenzeitlich Bedarf, das Modell anzupassen?

Claudia Hansmeier: Einmal, das war im vergangenen Jahr. Meine Arbeitszeit hatte ich bis dahin auf vier Arbeitstage verteilt. Bei meinen Aufgaben ist es aber besser, jeden Tag erreichbar zu sein, wenn auch etwas kürzer. Für mich hat das gut gepasst. Nun bin ich von Montag bis Freitag jeweils sechs Stunden da.

Stephan Pohlmann: Die Vereinbarungen zu Arbeitszeit und Telearbeit sind ein Jahr gültig. Dann müssen wir neu darüber sprechen, ob wir dabei bleiben oder etwas Neues ausprobieren wollen. Das ist eine gute Gelegenheit nachzuprüfen, was sich im Alltag bewährt hat und was nicht. Mittlerweile sind wir aber so eingespielt, dass das nur noch eine halbe Stunde dauert, höchstens.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht eine „goldene Mitte“ bei der Vereinbarkeit, in der alle Interessen fair umgesetzt sind?

Stephan Pohlmann: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, würde ich sagen. Es kommt auch auf die Aufgaben an. Hätten wir mehr Kundenkontakt, müssten wir die Anwesenheit im Team anders regeln. Und jede Führungskraft hat da sicher auch eigene Grenzen. Ich muss meine Beschäftigten nicht ständig um mich wissen, um sicher zu sein, dass sie ihre Arbeit gut machen. Ich würde aber auch nicht wollen, dass jemand ausschließlich aus dem Home-Office arbeitet, weil mir dann der Kontakt im Team verloren geht. Ich denke, da muss man genau hinschauen, und dann ergibt sich relativ schnell, was in der jeweiligen Situation angemessen ist und was nicht.

Claudia Hansmeier: Ich genieße die Freiheiten, die ich habe. Aber ich fühle mich genauso für meine beruflichen Aufgaben verantwortlich. Das ist auch eine Form von Mitte, die ich für mich treffen muss. Gemessen werde ich letztlich an Ergebnissen. Ich möchte, dass diese Ergebnisse gut sind, unabhängig vom Arbeitsmodell. Mit der jetzigen Lösung habe ich wirklich den Kopf frei, wenn ich auf Arbeit bin. Ich denke, dabei werde ich noch eine ganze Weile bleiben.

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