So passt das: In Teilzeit zur Fachkraft

Elpida Carabeciou brach erst eine Ausbildung ab und bekam dann zwei Kinder. Nun hat die 38-Jährige bei der Deutschen Welle in Bonn den Abschluss nachgeholt – mit 30 Stunden pro Woche und trotzdem schneller als die meisten anderen in ihrer Klasse. Ein Praxisbericht über die Berufsausbildung in Teilzeit.

2015 hatte Elpida Carabeciou genug. Aus familiären Gründen hatte sie in jungen Jahren ihre Ausbildung abgebrochen und sich seither durch Jobs gehangelt, die ihr kaum eine Perspektive boten. „Ich wollte diesen Abschluss unbedingt nachholen“, erzählt die 38-Jährige, die frisch ihre Ausbildung bei der Deutschen Welle in Bonn abgeschlossen hat. „Das war ich mir schuldig, aber auch meinen Söhnen. Ich will ihnen doch ein Vorbild sein.“ Elpida Carabeciou hat es geschafft. Seit Anfang 2018 weist ihr Gesellenbrief sie als Fachkraft aus, als geprüfte Kauffrau für Büromanagement. Zweieinhalb Jahre hat die alleinerziehende Mutter dafür gebraucht, ein halbes Jahr weniger, als es die reguläre Ausbildungszeit vorsieht. Verkürzt hat Elpida Carabeciou aber gleich doppelt: Ihre Ausbildung hat sie in Teilzeit absolviert, mit 30 Arbeitsstunden pro Woche. „Das war schon eine anstrengende Zeit. Aber ich brauchte die Flexibilität einer Teilzeit, um mein Familienleben am Laufen zu halten.“

Nur vereinzelt lernen Azubis in Teilzeit

Menschen wie Elpida Carabeciou sind selten in Deutschland – obwohl die Berufsausbildung in Teilzeit seit 2005 sogar gesetzlich verankert ist. Rechtlich entspricht sie einer verkürzten Ausbildung. Wer sie durchläuft, muss in weniger Stunden den gleichen Stoff schaffen können wie die Kolleginnen und Kollegen in Vollzeit. Die Gesamtdauer der Lehre verlängert sich normalerweise nicht.

Rund 510.000 Menschen haben 2016 in Deutschland einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen; 2.100 von ihnen in Teilzeit. Das ist weniger als ein halbes Prozent. „Viele Unternehmen halten das Modell für sehr kompliziert“, sagt Mirjam Jung, Projektleiterin bei ModUs, der Bonner Beratungsstelle für Eltern in Teilzeitausbildung. „Dabei lässt es sich meist genauso umsetzen wie Teilzeitarbeit in anderen Bereichen.“

Im Frühjahr 2015 saß auch Elpida Carabeciou bei Mirjam Jung. Die Vermittlerin im Jobcenter hatte ihr den Tipp gegeben. Auf das Erstgespräch folgte der Aufnahmetest. Elpida Carabeciou überzeugte. So erhielt sie die Information, dass bei der Deutschen Welle (DW) noch Ausbildungsplätze frei waren.

Der Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland ist seit zehn Jahren Partner von ModUs – und bundesweit einer der Vorreiter bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Von flexiblen Arbeitszeiten über Home-Office bis hin zu Zuschüssen für Betreuungsplätze gibt es hier fast alles, was Eltern oder pflegenden Angehörigen die Karriere erleichtert. „Bei den meisten unserer Auszubildenden spielt das natürlich noch keine Rolle. Aber es gibt keinerlei Grund, einem Menschen mit familiärer Verantwortung die Ausbildung zu verweigern“, sagt Dagmar Labude, Ansprechpartnerin für die Ausbildung bei der DW.

Elpida Carabeciou bewarb sich und durchlief den Bewerbungsprozess der Deutschen Welle. Theorietest und Vorstellungsgespräch musste sie meistern – zwischen Bewerberinnen und Bewerbern, die deutlich jünger waren als sie. „Wir waren alle etwas angespannt, wie das bei Bewerbungsgesprächen eben so ist.“

Am 1. September 2015 begann Elpida Carabeciou zum zweiten Mal in ihrem Leben eine Ausbildung – und damit ein straffes Programm. Rund sechs Stunden täglich wendet sie offiziell für die Ausbildung auf. Weitere anderthalb Stunden lernt sie abends zu Hause. Zwei Tage pro Woche ist sie an der Berufsschule, drei Tage an ihrem Arbeitsplatz bei der Deutschen Welle. Verschiedene Abteilungen hat sie durchlaufen. „Nirgendwo gab es ein Problem damit, dass ich mit reduzierten Stunden arbeite. Teilzeit ist bei der Deutschen Welle aber auch völlig normal.“

Die meisten arbeiten mit 75 Prozent

Theoretisch können Auszubildende und Unternehmen alle möglichen Modelle aushandeln, solange die zuständige Industrie- und Handelskammer (IHK) zustimmt. Bei den rund 100 Müttern und Vätern, die ModUs bisher in Bonn vermittelt hat, war jedoch die 75-Prozent-Woche die Regel. „Bei diesem Modell müssen Unternehmen und Schulen ihre Abläufe nur wenig verändern“, sagt Mirjam Jung. Auch bei Elpida Carabeciou war fast alles genauso wie bei den anderen Auszubildenden auch. Ihr Berufsschultag ist mit sechs bis sieben Unterrichtseinheiten ohnehin kürzer als ein Arbeitstag in Vollzeit. Noch mehr Spielraum gab es im Praxisteil. Das Berichtsheft hält Stationen und Lernziele fest – nicht aber die Zeit, innerhalb derer die einzelnen Punkte absolviert sein müssen. Es kann also auch schneller gehen.

Für viele ältere Auszubildende ist das ein Vorteil. Menschen zwischen Mitte 20 und Ende 30 haben meistens gelernt, eine Familie zu organisieren, Abläufe zu planen und mit knapper Zeit umzugehen. „Diese Lebenserfahrung merken wir älteren Auszubildenden deutlich an. Manches geht ihnen schneller von der Hand als Auszubildenden, die frisch von der Schule kommen“, berichtet Dagmar Labude.

Am Ende legte Elpida Carabeciou ein so enormes Tempo vor, dass sie die Abschlussprüfungen um ein halbes Jahr nach vorne zog. „Ich wollte so schnell wie möglich finanziell unabhängig sein“, sagt sie. Mit Dagmar Labude diskutierte sie ihre bisherige Leistung. Dann meldete die Deutsche Welle Elpida Carabeciou zur Prüfung an – und stellte ihr die anschließende Weiterbeschäftigung in Aussicht. In Vollzeit.

Die beiden Söhne von Elpida Carabeciou sind nun 14 und 15 Jahre alt und können nachmittags ohne ihre Mutter sein. „Als gebürtige Griechin kannte ich die Deutsche Welle schon als Kind. Nun kann ich hier arbeiten, und dann auch noch im Einkauf, der Abteilung, in die ich gern wollte. Für mich war diese Ausbildung ein Glücksfall“, erzählt Elpida Carabeciou. Die Zeiten als Aushilfe sind vorbei.

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