Umgang mit Tabus in der internen Kommunikation

Kürzlich berichtete mir eine Trainerin von einem überbetrieblichen Burn-out-Seminar. 20 Männer und Frauen hatten daran teilgenommen – alle mehr oder minder betroffen. Die Befragung über Auslöser und Gründe für die Beteiligung ergab, dass ausnahmslos alle einen Pflegefall in der Familie hatten. Über Vereinbarkeit von Beruf und Familie spricht es sich leicht, wenn es um die Eltern kleiner Kinder geht. Die meisten anderen Themen, die das Miteinander von Beruf und Privatleben manchmal erschweren, sind hingegen mehr oder minder tabu: Angehörigenpflege, das Scheitern von Lebensentwürfen oder Beziehungen, Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Schulden oder Erziehungsprobleme. Das geht den Arbeitgeber nichts an und kann daher auch kein Thema der internen Kommunikation sein. Auch die Erfahrungen vieler Unternehmen mit dem Thema Angehörigenpflege bestätigen das. Kaum ein Unternehmen weiß, wie viele seiner Beschäftigten in die Pflege von Angehörigen involviert sind. Umso schwieriger ist es dann auch, adäquate Maßnahmen zur Unterstützung dieser Beschäftigtengruppe zu entwickeln. Von den möglichen Folgen solcher Fälle nicht gelungener Vereinbarkeit ganz zu schweigen: Überlastung, Fehlzeiten und – siehe oben – Burn-out. Wie spricht ein Unternehmen über Themen, über die Beschäftigte nicht gerne sprechen? Und dann auch noch so, dass man sich nicht der Indiskretion oder der Grenzüberschreitung verdächtig macht? Ein komplexes Thema, das wir uns für unsere Juni-Ausgabe vorgenommen haben. Wie immer freuen wir uns, wenn Sie uns Ihre Erfahrungen dazu mitteilen. Herzlichst Ihre Sofie Geisel


Interne Kommunikation

Die Zielgruppe sind alle, die noch Eltern haben

Stefanie Steinfeld, Gründerin und Inhaberin des Unternehmens Eldercare-Steinfeld, ist Expertin auf dem Gebiet der Pflege. Das Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ wollte von ihr wissen, warum Pflege in vielen Unternehmen ein Tabu ist und als personalpolitische Herausforderung kaum wahrnehmbar wird. Die Fachfrau plädiert dafür, sich mit dem Thema grundsätzlich vor Eintritt eines konkreten Pflegefalls zu beschäftigen, und erklärt, warum die Zielgruppe für eine Kommunikation zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege so gut wie alle Beschäftigten umfasst.

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Ausgabe Juni 2013

Ausgabe Juni 2013

Schweigen ist Silber, (über Tabuthemen) reden ist Gold

Kranke und behinderte Angehörige zu pflegen, oder selbst zu spüren, dass Dauerstress und Druck der eigenen Psyche nicht guttun, ist oft schwer genug für die Betroffenen. Wie viel Zündstoff in diesen oft tabuisierten Familienthemen liegt, zeigt schon das Editorial unseres Newsletters.

Dennoch: Eine offene Kommunikation – auch über schwierige Themen – ist in der internen Kommunikation möglich und hilft allen Beteiligten, „gesünder“ damit umzugehen. Folgende Kommunikationsansätze vereinfachen den Weg:

1. Nicht moralisieren

Egal wie Sie ein Tabuthema kommunikativ angehen: Verzichten Sie unbedingt auf den erhobenen Zeigefinger, auf die Schilderung von Einzelfällen oder die Verbreitung von „success stories“. Vielmehr ist Ihre Intention, praktische Hilfen zu geben, vertrauenswürdige Ansprechpartner und gegebenenfalls vorhandene Hilfsangebote im Unternehmen bekannt zu machen. Tun Sie dies in neutralem Ton und tragen Sie möglichst breit gefächerte Hilfsangebote zusammen, auch von Trägern außerhalb des Unternehmens. Sprechen Sie jede Aktion mit dem Personalbereich und dem Betriebsrat ab, damit dort gegebenenfalls die nötigen Kapazitäten für Beratung bereitstehen können.

2. Eigene Angebote positiv promoten

Viele größere Unternehmen haben einen eigenen Gesundheitsdienst. Neben den üblichen Tipps zur Gesundheit am Arbeitsplatz können über diesen Dienst auch Beiträge zu Hilfsangeboten bei häuslicher Pflege, Leben mit behinderten oder schwerkranken Angehörigen, Umgang mit dem Tod naher Angehöriger, zu Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit lanciert werden. Als Serie angelegt und langfristig beispielsweise als Broschüre und als Information im Intranet angeboten, sinkt die Hemmschwelle für die Beschäftigten, sich proaktiv zu informieren.

3. Führungskräfte coachen und sensibilisieren

Artikel sind nach einem simplen Rezept aufgebaut: Es beginnt mit einem lebendigen Einstieg, der das Thema (was), die Handelnden (wer, welche Quelle), die Relevanz (warum) und Ort und Zeit (wo, wann) vorstellt. Dann folgt ein Rückblick, der beschreibt, was im Vorfeld geschah oder wie die Lage bisher/vorher war (warum, wann) und was die Handelnden motivierte. Im Mittelteil bewegen Sie sich im Hier und Jetzt, führen das Thema aus und leiten hin zur heutigen Situation. Dabei lassen Sie die Handelnden immer wieder zu Wort kommen, denn Zitate schaffen Authentizität, verleihen Glaubwürdigkeit und bringen Leben in Ihren Text. Sie beschließen Ihren Artikel mit einem Resümee, einem Ausblick oder einem kraftvollen Zitat. Nehmen Sie dabei gern Bezug auf Ihren Einstieg. So spannen Sie einen Bogen, der den Text dann insgesamt „rund“ macht.

4. Aktuelle Anlässe nutzen

Viele Unternehmen sammeln zu Firmenveranstaltungen und in der Weihnachtszeit für soziale Einrichtungen. Eine gute Gelegenheit, verschiedene Einrichtungen mit ihren Hilfsangeboten vorzustellen und dabei en passant „Tabuthemen“ aufzugreifen. Statt der Sammlung von Geld kann im Unternehmen beispielsweise auch eine Aktion zur Registrierung als Knochenmarkspender mit der DKMS oder eine Blutspendeaktion mit dem DRK organisiert werden. Ebenso kann ein Interview mit dem Betriebsrat Anlass bieten, den gesamten Themenkranz aufzugreifen. Bei ihm laufen viele Hilfsanfragen der Beschäftigten zusammen, da Betriebsräte zur Verschwiegenheit verpflichtet sind.

5. Tabuthemen in Beschäftigtenbefragung integrieren

Sie planen gerade eine Beschäftigtenumfrage? Perfekt! Stellen Sie die Anonymisierung der Befragung sicher und nehmen Sie Fragen zum privaten Umfeld mit auf. Die Ergebnisse werden Ihnen helfen, die Bedürfnislage im Bereich Tabus klarer zu erkennen. Gleichzeitig bieten Ihnen die Ergebnisse die Chance, Tabus thematisch aufzugreifen und interne sowie externe Hilfsangebote in Ihren internen Medien vorzustellen. Dabei können Sie immer wieder auf die Ergebnisse der Umfrage Bezug nehmen, ohne Einzelfälle schildern zu müssen. 

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