Die Zielgruppe sind alle, die noch Eltern haben

Frau Steinfeld, woran erkennt man, wann Pflege in einem Unternehmen tabu ist?

Man erkennt es daran, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie sich automatisch und ausschließlich auf Vereinbarkeit von Beruf und Kindern bezieht. Das Tabu manifestiert sich dann darin, dass es in der Regel weder Ansprechpartner noch konkrete Hilfsangebote im Unternehmen dafür gibt und das Thema im Vokabular des Unternehmens eigentlich nicht vorkommt.

Warum? Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, es liegt daran, dass das Thema Pflegebedürftigkeit gesamtgesellschaftlich kein Thema ist, über das man gerne spricht. Pflegebedürftigkeit macht Angst, man schämt sich vielleicht auch. Im Gegensatz zum Kleinkind, das gerade laufen lernt und jeden anstrahlt, sind mit Pflege Trauer, Schmerz und schließlich der Tod verbunden. Man kann keine Erfolge vermelden.

Was bedeutet es für Unternehmen, wenn sie Pflege enttabuisieren wollen?

Unternehmen müssen zuallererst einen neutralen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin mit einem sehr hohen Vertrauensvorschuss benennen und qualifizieren.

Wer könnte das zum Beispiel sein?

Idealerweise nicht der Vorgesetzte, sondern jemand aus dem Betriebsrat oder auch von extern, in kleinen Unternehmen vielleicht die Juniorchefin.

Wie geht es dann weiter?

Als Nächstes sollte das Unternehmen einen Umsetzungsplan erarbeiten und – ganz wichtig – bekannt machen. Jeder muss ihn ohne Nachfrage einsehen können!

Wie sieht so ein Plan aus?

Hier können Sie analog zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie die verschiedenen bewährten Arbeitszeitmodelle anbieten. Außerdem gehören Beratung, Information und gelegentlich – zumindest als Krisenintervention – auch Hilfsangebote dazu.

Warum nur gelegentlich?

Weil man hier schnell eine Grenze überschreitet. Ein Kind kann man in die Krippe schicken, hier sind die Eltern handlungsbefugt. Für den pflegebedürftigen Angehörigen kann der pflegende Beschäftigte mögliche Hilfen nur vorschlagen.

Wie kommunizieren Sie diesen Plan denn an die Beschäftigten, und wer genau ist die Zielgruppe?

Man muss eine Kommunikationsstrategie entwickeln, sichtbar machen, dass es das Thema gibt. Und die Zielgruppe, das sind alle. Jeder, der noch Eltern hat.

Sie meinen also, ein Unternehmen sollte nicht nur mit Betroffenen über Pflege sprechen?

Nein, auf keinen Fall. Das Thema muss im Vorfeld des tatsächlichen Pflegefalls angesprochen werden und nicht nur in der Krise selbst.

Warum ist das so wichtig?

Weil die Beschäftigten dann noch nicht im Defizit sind und die Chance haben, gemeinsam mit den Angehörigen die Pflegesituation vorzubereiten und in Ruhe nach Lösungen zu suchen.

Was meinen Sie mit Defizit?

Eine Pflegesituation betrifft oft gestandene, ältere Menschen. Sie versuchen lange, die Fassade des gut funktionierenden Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin aufrechtzuerhalten. Ich denke, dass es oft eine regelrechte Flucht in den betrieblichen Alltag gibt, ein bisschen „Erholung“ am Arbeitsplatz.

Zurück zur Kommunikation: Wie sollte sie aussehen?

Man kann mit einem Flyer von einem Pflegestützpunkt in der Nähe beginnen, der die wichtigsten Daten und Fakten zum Thema zusammenträgt. Dann kann man die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege natürlich im Mitarbeitergespräch verankern, Handzettel mit den wichtigsten Adressen zu Beratung und Pflege produzieren oder eine Beratungsstelle kontaktieren. Die Kür wäre dann, tatsächlich jemanden als Verantwortlichen im Unternehmen zu benennen, gewissermaßen einen Pflegelotsen. Weitere Schritte sind ein entsprechender Intranetauftritt, die Schaffung eines Gesundheitstags oder eine Seminarreihe zu pflegerelevanten Themen.

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