Jede Pflegephase braucht individuell abgestimmte mobile Arbeitsmodelle

Alternierende Telearbeit erleichtert den Pflegealltag

Stefan Reuyß ist Gründungsmitglied von SowiTra, einem sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitut in Berlin. Der Soziologe, der außerdem ein Examen als Krankenpfleger hat, sieht mobiles Arbeiten als wichtiges Instrument der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen. Allerdings gilt: Pflege ist nicht gleich Pflege, die Modelle mobiler Arbeit müssen individuell ausgehandelt werden. 

Herr Reuyß, worauf müssen Unternehmen besonders achten, wenn sie pflegende Beschäftigte durch mobiles Arbeiten unterstützen wollen?

Sie sollten erst einmal eine offene Haltung dem Thema „Pflege“ gegenüber einnehmen, das teilweise immer noch tabuisiert ist. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Beschäftigte überhaupt ihre Bedarfe nennen. Ein guter Weg, das Thema umfassend zu integrieren, ist, Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als festen Bestandteil in das Mitarbeitergespräch aufzunehmen. Wir empfehlen, auf einzelne pflegende Beschäftigte auch aktiv zuzugehen und mit ihnen individuelle und auf ihre jeweilige Pflegesituation abgestimmte Modelle mobiler Arbeit zu besprechen beziehungsweise sie zu fragen, ob die vereinbarten Regelungen noch greifen.

Wie kann mobiles Arbeiten denn gezielt in einer Pflegesituation eingesetzt werden?

Eine Pflegesituation tritt meistens überraschend ein. Zum Beispiel stürzt ein Angehöriger und es muss umgehend ein funktionierendes Pflegenetzwerk organisiert werden. In solchen Situationen ist die Möglichkeit, auch spontan mobil zu arbeiten, ein sehr gutes Instrument zur Vereinbarkeit. Üblicherweise tritt dann eine Konsolidierungsphase ein, die oft mehrere Jahre andauern kann. In dieser Zeit ist planbare Flexibilität für den Pflegealltag wichtig. Alternierende Telearbeit mit ein oder zwei festen Tagen im Homeoffice ist dann sehr beliebt. Allerdings muss die Option vorhanden sein, auch spontan zwischen Büro und Homeoffice zu wechseln. Wenn Pflegende zum Beispiel zu Arztterminen begleiten oder etwas von der Apotheke holen müssen, ist es oft einfacher, von zu Hause aus weiterzuarbeiten, als den Weg ins Büro wieder auf sich zu nehmen. Kommt es im weiteren Verlauf der Pflege zur Sterbebegleitung, so ist es oftmals nötig, jemanden für ein oder zwei Wochen am Stück im Homeoffice arbeiten zu lassen.

Neben dem Berufsalltag einen Angehörigen zu pflegen ist extrem fordernd. Wäre es nicht grundsätzlich angebracht, auch längere Homeoffice-Phasen zu gewähren?

Von durchgängigem Homeoffice würde ich abraten. Das ist übrigens bei den Pflegenden in der Regel gar nicht gewünscht. Sie sind oftmals froh, wenn sie im Büro arbeiten können, weil dies der einzige pflegefreie Ort ist und er soziale Kontakte ermöglicht, die viele Pflegende völlig aufgegeben haben.

80 Prozent der Hauptpflegenden sind weiblich. Der Anteil von Frauen in sozialen Berufen, die eine Präsenzpflicht mit sich bringen, ist ebenfalls sehr hoch. Wie kann es gelingen, auch hier Arbeitsanteile für pflegende Angehörige mobil zu gestalten?

Um herauszufinden, welche Tätigkeiten in sozialen Berufen von unterwegs oder von zu Hause erledigt werden können, bedarf es einer sehr genauen Analyse der Arbeitsabläufe, die in kleinste Schritte zerlegt werden müssen. Schauen wir doch einmal auf die Pflegebranche selbst: Ein ambulanter Pflegedienst hat zum Beispiel ein bis zwei Tage pro Woche an Tätigkeiten, die nicht unbedingt vor Ort erledigt werden müssen. Da sind etwa das Verfassen von Berichten oder Materialbestellungen. Dann muss man schauen, wie man die Beschäftigten mit technischer Infrastruktur unterstützen kann. Zum Beispiel könnten ambulante Pflegedienste ihre Beschäftigten mit Tablets ausrüsten.

Bringt eine solche technische Ausrüstung nicht zu hohe Kosten mit sich?

Die Unternehmen kommen meines Erachtens um diese Investitionen nicht herum, weil die Arbeit sich eh immer weiter vernetzen wird. Sie müssen sich für die Arbeit 4.0 öffnen. Man könnte auch die Arbeitszeiterfassung über das Tablet laufen lassen und gleich in die Lohnbuchhaltung einspeisen. Das spart dann wieder Kosten und wäre ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.

Herr Reuyß, vielen Dank für das Gespräch.

Teile: