Audits und Zertifikate zur Familienfreundlichkeit und wie Unternehmen sie einsetzen

„Wir bekommen das audit nicht für 100 Maßnahmen, sondern weil wir uns bewegen“

Die Öffentliche Versicherung Braunschweig ist ein regionaler Versicherer mit Sitz in Braunschweig und wurde im Juni zum dritten Mal durch das audit berufundfamilie zertifiziert. Im Rahmen der Zertifikatsverleihung in Berlin erklärt Marion Engelhardt, Bereichsleiterin Personal, ihr Credo: Das audit fördert eine kontinuierliche Entwicklung hin zu einer familienfreundlichen Personalpolitik, die an die Selbstverpflichtung der Führungsebene gebunden ist. Deshalb ist der Veränderungsprozess nachhaltig und kommt gut an.

Frau Engelhardt, Ihr Unternehmen ist gerade zum dritten Mal mit dem audit berufundfamilie zertifiziert worden. Wie nutzen Sie das audit für Ihr Personalmarketing?

Wir nutzen das audit für jegliche Art der Akquisition. Außerdem setzen wir das Zertifikatslogo in Stellenanzeigen auf der Karriereseite unserer Homepage sowie auf unseren weiteren Social-Media-Kanälen ein und verwenden es bei Veranstaltungen wie Bewerbermessen. Es ist eine Marke geworden und inzwischen selbstsprechend.

Wonach fragen Bewerberinnen und Bewerber im Vorstellungsgespräch, wenn es um Vereinbarkeit geht?

Bei Beruf und Familie spielen wir in der Bundesliga. Das ist bei Bewerberinnen und Bewerbern auch bekannt. Vereinbarkeitslösungen sind kein „nice to have“ mehr, sondern selbstverständlich. Insofern werden wir vor allem auf Spezifika unserer Vereinbarkeitsangebote angesprochen, wie etwa die Möglichkeit, Sonderzahlungen in Freizeit zu wandeln. So haben Kolleginnen und Kollegen potenziell bis zu 22 weitere freie Tage zur Verfügung.

Was ist der Vorteil des audit für Ihr Unternehmen und Ihr Personalmarketing?

Was ich so gut am audit finde, ist die Systematik im Change-Management-Prozess. Hier herrscht kein Aktionismus, sondern eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung. Und die ist an das Commitment der Führungsebene gekoppelt. Das heißt, ein Unternehmen setzt das um, was es sich selber zutraut. Wir bekommen das audit nicht für 100 Maßnahmen, sondern weil wir uns bewegen. Bei uns hängt die Latte jetzt sehr hoch, was für das Bewerbermarketing ein großer Vorteil ist. Denn Beschäftigte vergleichen die Vereinbarkeitsangebote unterschiedlicher Unternehmen. Wir haben inzwischen fast alle modernen Instrumente der Vereinbarkeit implementiert: von der Ferienbetreuung bis zum Wäscheservice und von Zeitwertkonten bis zur Telearbeit. Mit dem Zertifikat können wir dafür werben. 


Statements

Wie das audit berufundfamilie beim Personalmarketing hilft

Demografischer Wandel, eine selbstbewusste Generation Y und veränderte Rollenbilder von Vätern und Müttern: Unternehmen müssen mit diesen Entwicklungen mitgehen. Manchmal treiben sie sie sogar voran. Viele Unternehmen beschreiben eine familienfreundliche Personalpolitik als festen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur. Lesen Sie Stimmen aus der Wirtschaft und Verwaltung zum audit und seiner Funktion für das Personalmarketing. Wir haben sie am Rande der Zertifikatsverleihung zum audit berufundfamilie am 17. Juni 2014 in Berlin eingefangen.

Jürgen Grun, Personalleiter des Siloah St. Trudpert Klinikums in Pforzheim:

„Wir haben im März 2014 das Zertifikat zum audit von berufundfamilie erlangt. Der damit verbundene Prozess bot uns die Möglichkeit, unsere vielfältigen Maßnahmen zur familienbewussten Personalpolitik zu bündeln. Damit konnten wir nach innen und außen eine große Sichtbarkeit dafür erzeugen. Wir werben aktiv auf unserer Karriereseite und bei Stellenanzeigen mit dem Logo des audit. Vor Kurzem haben zwei Ärztinnen einen Teilzeitvertrag bei uns nur unterschrieben, weil wir ihnen einen Krippenplatz zusagen konnten. Dass es den selbstverständlich bei uns gibt – dafür steht unter anderem das audit.“

Waltraud Diop, Abteilungsleiterin Zentrale Dienste und Services im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben:

„Wir haben das audit berufundfamilie bereits zum dritten Mal erfolgreich durchlaufen. Wir setzen das Logo des audit auf alle Vordrucke mit unserem Behördenkopf. Familie und Beruf ist bei uns fester Bestandteil in jedem Vorstellungsgespräch. In etwa jedem zweiten Gespräch fragen die Bewerberinnen und Bewerber, was das Zertifikat konkret für sie bedeutet, also welche Realität dahintersteht. Ich glaube, dass wir auch deswegen so viele Maßnahmen umsetzen – zum Beispiel mehr als 300 Arbeitszeitmodelle –, weil wir unsere Führungskräfte mitnehmen. Denn durch die Individualisierung der Arbeitsmodelle stehen sie vor neuen Herausforderungen.“

Michael Busch, Landrat im Landkreis Coburg:

„Auch wir als öffentlicher Arbeitgeber stehen in Konkurrenz zu Unternehmen um qualifizierte Beschäftigte. Deshalb haben wir uns schnell für das audit berufundfamilie entschieden. Zunächst war mancher skeptisch, und ich konnte erkennen, dass die Frage im Raum stand, ob der Landrat sich damit nur profilieren möchte. Inzwischen sind die meisten von dem Sinn des Prozesses überzeugt, bin ich mir sicher. Wir bieten inzwischen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedene Arbeitszeitmodelle sowie Homeoffice und betriebliche Gesundheitsförderungsmaßnahmen u. v. m. an, was es früher nicht gab. Die Zufriedenheit unserer Beschäftigten ist hoch, denn sie spüren, dass sie die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, selbst mitgestalten können.“

Rudolf Donth, Ressortdirektor Finanzen und Controlling, Personal der AOK Bayern:

„Für uns ist es schon seit vielen Jahren wichtig, uns als Unternehmen zu positionieren, das vor allem hoch engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gute Karrierechancen bietet. Dabei kommt in der sogenannten Rushhour des Lebens oft alles zusammen. Einerseits ist es die berufliche Karriereorientierung und andererseits ist es oft auch die Phase der Familiengründung. Das darf nicht mehr eine Entweder-oder-Entscheidung sein. Mit unserer Zertifizierung seit 2010 dokumentieren wir unser Bekenntnis dazu.“


Zertifikate und Gütesiegel

Gewinnen Sie einen Überblick über regionale Siegel und Zertifikate und eine Idee davon, welches möglicherweise für Ihr Unternehmen infrage kommt. Wir haben die Informationen von den jeweiligen Websites zusammengestellt und die Siegel nach Bundesländern sortiert. Wir erheben damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit, die Liste soll Ihnen nur als erste Orientierung dienen.

Baden-Württemberg

Prädikat „Familienbewusstes Unternehmen“

familyNET

www.familynet-bw.de/praedikat.html

Das Prädikat „Familienbewusstes Unternehmen“ bewertet und würdigt in Baden-Württemberg das Engagement kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) sowie von Organisationen und Einrichtungen der Sozialwirtschaft zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Unternehmen und Organisationen können analysieren, wo sie selbst im Prozess stehen, und das Prädikat für eine erfolgreiche Werbung, z. B. bei Stellenausschreibungen, einsetzen.

Hamburg

„Hamburger Familiensiegel“

Hamburger Allianz für Familien

www.hamburg.de/das-familiensiegel/

Das Familiensiegel bestätigt, dass sich ein Unternehmen besonders für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagiert. Ausgezeichnete Arbeitgeber erhalten eine Urkunde und können das Siegel als Logo (zum Beispiel im Briefkopf) und für die Außendarstellung verwenden. Das Siegel wird zunächst für zwei Kalenderjahre verliehen. Es kann in dieser Zeit für nicht produktbezogene Werbung genutzt werden. Zusätzlich berät und unterstützt die Hamburger Allianz für Familien die Träger des Siegels dabei, noch familienfreundlicher zu werden. Unter anderem erhalten sie eine Mappe mit weiterführenden Informationen, wie sie noch mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun können und wo sie Unterstützung bekommen.

Niedersachsen

„FaMi-Siegel“ für familienfreundliche Unternehmen in Nordostniedersachsen

Überbetrieblicher Verbund Frau & Wirtschaft Lüneburg.Uelzen e.V.

www.famisiegel.de/

www.unternehmensverbund-lg-ue.de

Mit dem „FaMi-Siegel“ werden kleine Unternehmen in Nordostniedersachsen ausgezeichnet, die ihre Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen. Das Siegel wird in drei Größenkategorien vergeben: Betriebe mit bis zu 20 Beschäftigten, Betriebe mit 20 bis 100 Beschäftigten, Betriebe mit über 100 Beschäftigten. Als „ausgezeichnet familienfreundlicher" Betrieb darf das Siegel bis Ende 2015 gegen eine einmalige Gebühr von 50 Euro für die Außendarstellung des Unternehmens genutzt werden. Unternehmen können sich laufend für den Aktionszeitraum 2013–2015 bewerben.

„Emsländisches Gütesiegel für Familienfreundlichkeit“

Emsländische Stiftung Beruf und Familie

www.familienstiftung-emsland.de/das-guetesiegel-fuer-familienfreundlichkeit/

Die Emsländische Stiftung Beruf und Familie hat ein Modell entwickelt, das auf die Eigenheiten emsländischer Unternehmen zugeschnitten ist. Im Rahmen einer Zertifizierung wird das betriebliche Familienbewusstsein analysiert und gemeinsam werden Antworten auf die Fragen zur besseren Balance von Beruf und Familie gefunden. Eine Rezertifizierung nach dem Ablauf von drei Jahren ist möglich. Das „Emsländische Gütesiegel für Familienfreundlichkeit“ richtet sich insbesondere auch an mittlere und kleine Betriebe. Die Kosten für die Zertifizierung werden bis auf einen Eigenanteil der Unternehmen von der Stiftung getragen. Der Eigenanteil richtet sich nach der Unternehmensgröße bzw. der Zahl der Mitarbeiter. 

Nordrhein-Westfalen

Qualitätssiegel „Familienfreundlicher Arbeitgeber“

Bertelsmann Stiftung

www.familienfreundlicher-arbeitgeber.de/

Das Qualitätssiegel „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ wurde im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft u. a. mit dem Land Nordrhein-Westfalen erarbeitet. Es beinhaltet eine Prüfung, Bewertung und Auszeichnung mitarbeiterorientierter und familienfreundlicher Personalpolitik nach einem standardisierten Prozess. Das Prüfverfahren ist für Arbeitgeber jeder Größe und Rechtsform im gesamten Bundesgebiet durchführbar. Der Preis für das Verfahren richtet sich nach der Größe des Betriebes, der Anzahl von dezentralen Niederlassungen und dem Prüfaufwand.

„Essener Audit Familienfreundliches Unternehmen“

Essener Bündnis für Familie

www.essener-buendnis-fuer-familie.de/das-essener-buendnis/audit-fuer-familienfreundlichkeit/ablauf-zum-zertifikat.html

Das „Essener Audit“ ist ein Kooperationsprojekt zur Zertifizierung der aktiv gelebten Familienfreundlichkeit in Essener Unternehmen im Rahmen des Netzwerks Essener Bündnis für Familie. Das Verfahren ist in mehrere Phasen unterteilt: Zunächst werden die Unternehmen angeschrieben. Bei Interesse kommt es im nächsten Schritt zu Beratungsgesprächen mit berufserfahrenen Auditoren und der Projektleitung. Je nach Größe und Beschäftigtenzahl werden Workshops mit Führungskräften und Mitarbeitervertretern durchgeführt. Im Fokus steht dabei die Optimierung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch verschiedene Angebote im Unternehmen, unter anderem flexible Arbeitszeitregelungen, Teilzeitmodelle oder die systematische Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Beruf sowie individuelle Beratungen werdender Eltern. Erhoben wird der Ist-Zustand im Unternehmen und verbindlich unterzeichnet wird eine Zielvereinbarung mit konkreten Maßnahmen für die folgenden drei Jahre.

Zertifikat „Familienfreundliches Unternehmen im Kreis Soest“ und „Familien-Freundliches-Unternehmen im Hochsauerlandkreis“

wfg Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH und Wirtschaftsförderungsgesellschaft

Hochsauerlandkreis mbH zusammen mit dem Kompetenzzentrum Frau & Beruf Hellweg-Hochsauerland.

www.competentia.nrw.de/kompetenzzentren/kompetenzzentrum_Hellweg-Hochsauerland/interessantes/Archiv_2013/Zertifikatsverl_HSK_2013.php http://

www.wirtschaftsfoerderung-hsk.de/de/Verfahren.php

Das Zertifikat „Familien-Freundliches-Unternehmen im Hochsauerlandkreis“ wurde im Rahmen der Lokalen Bündnisse für Familie im Kreis Soest entwickelt und dann auch im Hochsauerlandkreis aufgegriffen. Verantwortlich für die Organisation und Durchführung des Zertifizierungsprozesses sind die kreisweiten Wirtschaftsförderungsgesellschaften. Teilnehmen können etwa 20 Unternehmen. Ein Berater erfasst zunächst den Status quo der angebotenen Maßnahmen eines teilnehmenden Unternehmens. Es besucht anschließend drei Impulsveranstaltungen und präsentiert dann vor einer Jury, wie familienfreundlich es ist. Bei Erfüllung der Gütekriterien verleiht die Jury dem Unternehmen dann das Zertifikat „Familien-Freundliches-Unternehmen im Hochsauerlandkreis“.

Saarland

Saarländisches Gütesiegel „Familienfreundliches Unternehmen“

IHK Saarland, Handwerkskammer des Saarlandes (HWK), saarländisches Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie

www.arlesaar.de

www.saarland.ihk.de

Das saarländische Gütesiegel Familienfreundlichkeit wird vergeben, wenn ein Unternehmen bereits Maßnahmen zur Familienfreundlichkeit vorweisen kann oder verbindlich ausbauen wird. Ein Zertifizierungsprozess unter Einbindung von Geschäftsleitung und Belegschaft ist Basis für die Auszeichnung. Familienfreundliche Unternehmen erhalten das Familiensiegel und damit das Recht, zwei Jahre lang das für dieses Gütesiegel entwickelte Logo zu verwenden. Nach zwei Jahren kann auf Wunsch der Unternehmen eine Rezertifizierung erfolgen. Die Kosten orientieren sich an der Unternehmensgröße. Das Gütesiegel kann beantragt werden bei der Servicestelle Arbeiten und Leben im Saarland, die bei der ZPT (Zentrale für Produktivität und Technologie Saar e. V.) angesiedelt ist und gemeinsam vom Familienministerium sowie von IHK, VSU (Vereinigung der saarländischen Unternehmensverbände) und HWK getragen und finanziert wird. Die Servicestelle berät und unterstützt Unternehmen in allen Fragen der familienfreundlichen Gestaltung der Arbeitswelt.

Thüringen

„Jenaer Familiensiegel“ für familienfreundliche Firmen

Jenaer Bündnis für Familie

www.jenatourismus.de/de/227156

Das „Jenaer Familiensiegel“ geht an familienfreundliche Unternehmen und Institutionen in Jena. Interessenten können sich beim Jenaer Bündnis für Familie bewerben. Mit den Bewerbungsunterlagen sind Fragebögen zur Familienfreundlichkeit, zur Unternehmenskultur und zum Engagement in der Stadt auszufüllen. Eine Jury prüft die Unterlagen und besucht das Unternehmen. Werden alle Kriterien erfüllt, gibt es für zwei Jahre das neue Familiensiegel, eine Messingplatte, die am Firmengebäude angebracht werden kann. Die Prüfung auf Vergabe des Familiensiegels kostet je nach Firmengröße zwischen 250 und 1.500 Euro.

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