Interviews: Auch der Arbeitgeber muss überzeugen

Mit Stärken werben und Erwartungen offen aussprechen …

… diesen Rat gibt Dr. Mandy Pastohr, Leiterin des Fachbereichs Fachkräfte beim RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V. Kompetenzzentrum. Das Kompetenzzentrum ist eine gemeinnützige Forschungs- und Entwicklungseinrichtung und untersucht, wie sich mittelständische Unternehmen in Deutschland im internationalen Wettbewerb behaupten können.

Frau Dr. Pastohr, welche Rolle spielt das Vorstellungsgespräch in einem Umfeld des zunehmenden Wettbewerbs um „gute Köpfe“?

Früher mussten Bewerberinnen und Bewerber den potenziellen Arbeitgeber von sich überzeugen. Das ist zwar auch heute noch so. Aber mehr noch als früher muss heute auch der Arbeitgeber von seinen Qualitäten überzeugen. Das beginnt bereits vor dem Vorstellungsgespräch. Beispielsweise kann ein Unternehmen bereits in einer Stellenanzeige darauf hinweisen, dass es Familienfreundlichkeit großschreibt. Im Vorstellungsgespräch geht es darum, sich kennenzulernen und die wechselseitigen Erwartungen abzugleichen. Arbeitgeber sollten sich auf das Gespräch gut vorbereiten. Im internationalen Umfeld kommt es gut an, wenn Unternehmen Erstgespräche auch via Skype ermöglichen. Außerdem hat es eine gute Wirkung, wenn man sich – auch wenn eine Entscheidung noch nicht getroffen werden konnte – trotzdem nach einem Vorstellungsgespräch zeitnah meldet und weiterhin sein Interesse bekundet.

Ist es sinnvoll für Unternehmen, ihre Vereinbarkeitsangebote im Vorstellungsgespräch standardmäßig anzusprechen?

Ich kann nur jedem Unternehmen empfehlen, dies von sich aus zu tun. Denn selbst, wenn die Bewerberinnen und Bewerber noch keine Familienpläne haben, ist es perspektivisch gut zu wissen, welche Möglichkeiten es im Unternehmen gibt. Damit punktet ein Unternehmen – auch bei jungen Fachkräften.

Wie spricht man das Thema Beruf und Familie adäquat an?

Bei Unternehmen, die mit ihrer Familienfreundlichkeit offensiv umgehen möchten, gehört dieser Passus an den Anfang des Gesprächs, wenn das Unternehmen sich vorstellt. Dann kann es beispielsweise auf Zertifizierungen hinweisen. Oder man nennt eher am Ende des Gesprächs – wenn man über die Stelle und Arbeitsbedingungen informiert – zwei, drei Angebote, etwa flexible Arbeitszeitmodelle, Zuschüsse zur Kinderbetreuung oder für haushaltsnahe Dienstleistungen. Manche Unternehmen haben ihre Lösungen auch auf Flyern zusammengestellt. Es ist sehr sinnvoll, solches Informationsmaterial auch ungefragt auszuhändigen. Ich erlebe es aber auch immer wieder, dass Frauen und Männer von sich aus sehr selbstbewusst Vereinbarkeitslösungen in Vorstellungsgesprächen ansprechen.

Was würden Sie speziell kleineren und mittleren Unternehmen raten?

Die KMU könnten sehr viel offensiver mit ihren Stärken werben, als die meisten es tun. Mit Stärken meine ich flache Hierarchien, Entscheidungsbefugnisse oder kurze Entscheidungswege, Chefs, die man nicht nur aus der Zeitung kennt, und schnelle, individuelle Lösungen zur Vereinbarkeit. All dies kann ein kleines Unternehmen im Vorstellungsgespräch als Plus für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellen.

Einen Überblick über Veranstaltungen wie zum Beispiel „Fachkräfte suchen, finden und binden“ oder Publikationen wie etwa „Wunscharbeitgeber werden“, die sich an kleine und mittlere Unternehmen richten, erhalten Sie hier: www.rkw-kompetenzzentrum.de

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