Klartext

In der Rubrik „Klartext“ stellen wir eine These zum jeweiligen Schwerpunktthema auf und bitten Expertinnen oder Experten, dazu knapp Stellung zu nehmen. Lesen Sie in dieser Ausgabe Beiträge von Vera Lindberg, Mitarbeiterin im Bereich Corporate HR Solutions bei der PHOENIX CONTACT GmbH & Co. KG, und von Alice Güntert, Referentin Arbeitsmarkt bei der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Bei den Kommentaren handelt es sich um persönliche Ansichten der Autorinnen.  

These: Die Champions in Sachen familienfreundlicher Unternehmenskultur werden immer eine kleine Gruppe von Unternehmen bleiben, die nicht nur marktgetrieben agieren, sondern aus Idealismus handeln. Richtig oder falsch?

 

Vera Lindberg

Grundsätzlich richtig – aber nicht in allen Lebensphasen gleich

Ich selbst bin ein lebendes Exempel: Ich habe bei meinem Wiedereinstieg nach der Elternzeit gezielt nach Unternehmen gesucht, die Familienfreundlichkeit auch leben. Was nützt mir eine Teilzeitstelle, wenn ich jeden Tag schief angeschaut werde, weil ich mittags nach Hause gehe oder im Homeoffice arbeite? Da braucht es eine wertfreie und vertrauensvolle Kultur. Diese muss insbesondere von der Unternehmensführung vorgelebt werden, um auch in der Belegschaft eine Akzeptanz zu erreichen.

Neben den positiven Aspekten fürs Recruiting hilft es meiner Meinung nach auch, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen langfristig ans Unternehmen zu binden, die gerade eine solche Lebensphase durchlaufen.

Allerdings verbinde ich Familienfreundlichkeit immer sehr mit „Eltern sein“. Das hätte mich z. B. zum Berufseinstieg nicht gelockt. Damals hatten Aspekte wie Internationalität, Karrierechancen und flache Hierarchien einen viel höheren Stellenwert.

Grundsätzlich glaube ich aber, dass das, was ursprünglich mit klassischer Familienfreundlichkeit angefangen hat, auch die Türen öffnen wird für flexible Modelle in anderen Lebensphasen – eine lange Reise, die Möglichkeit, sich in Sportvereinen oder außerhalb der Arbeit zu engagieren, u. Ä. Wichtig ist hier, dass die Unternehmen verschiedene Modelle anbieten, die unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen und so einen Mehrwert für die aktuelle Lebensphase des jeweiligen Mitarbeiters bieten.

 

Alice Güntert

Marktgetriebene Motive ändern nicht automatisch die Unternehmenskultur

Falsch. In Deutschland gibt es bereits zahlreiche „Vorreiter“ einer familienfreundlichen Unternehmenskultur. Diese haben sich aus allen Richtungen und mit unterschiedlichen Ausgangslagen auf den Weg gemacht, in dieser Disziplin zu Spitzenteams zu werden. So gibt es auch in der Metropolregion Rhein-Neckar einige Arbeitgeber, die sich nicht nur durch ihre Produkte, sondern auch durch ihre Angebote für Beschäftigte und ihre familienfreundliche Unternehmenskultur im Vergleich zu anderen hervorheben.

Nur wenige können es sich leisten, rein aus Idealismus zu handeln. Bei manchen geschah die Initialzündung sicher rein aus betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit. Im Wettbewerb um Fachkräfte und auf der Suche nach dem „USP“, dem Alleinstellungsmerkmal, wurden Angebote für aktuelle und zukünftige Beschäftigte eingeführt, um sich von den Mitbewerbern abzuheben. Nicht immer ist die Unternehmenskultur dann schon „familienfreundlich“, rein marktgetriebene Motive ändern nicht automatisch die Kultur, können jedoch ein erster Anstoß sein. Der Weg dahin ist ein langer Prozess, den viele Arbeitgeber schon erfolgreich abgeschlossen haben.


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