Interview

Bestandsaufnahme bringt Unternehmen weiter

Thomas Degel ist Leiter Unternehmenskommunikation der IANEO Solutions GmbH. Er buchstabiert aus, was für ihn eine familienfreundliche Unternehmenskultur ausmacht. Wichtig: lieber weniger Maßnahmen anbieten – und die mit voller Kraft und Unterstützung der Führungsebene. 

Herr Degel, Sie kennen ja bereits die vier Erfolgsfaktoren einer familienfreundlichen Unternehmenskultur. Das sind 1. Passgenauigkeit der Maßnahmen; 2. Transparenz, Kommunikation, Kooperation; 3. Rolle der Führungskräfte und 4. Verbindlichkeit und Regeln. Wie sollte ein Unternehmen vorgehen, das eine familienfreundliche Kultur entwickeln möchte?
Ich empfehle eine Bestandsaufnahme: Oft sind sich die Unternehmen nicht bewusst, wie viel sie schon für ihre Beschäftigten im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun. Mit einer solchen Liste können sie das schon sehr gut nach innen kommunizieren, denn oft kennen die Beschäftigten diese Aspekte ihres Unternehmens noch gar nicht. Im zweiten Schritt gilt es dann, Maßnahmen auszuwählen, die besonders gut zur Belegschaft und zum Unternehmen passen, und diese dann weiter auszubauen. Aber Vorsicht: Man sollte darauf achten, sich nicht zu übernehmen! Wichtig ist dabei immer, dass die Führungskräfte dahinterstehen und die Maßnahme mittragen. Das ist – gerade in älteren Führungsstrukturen – oftmals eine „politische“ Aufgabe. Es muss Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Könnten Sie die vier Erfolgsfaktoren einmal an einer prominenten, aber möglichst einfachen Maßnahme zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Ihrem Unternehmen durchdeklinieren?
Wir hatten bei IANEO einen Pflegenotfall. Die kleine Tochter einer Mitarbeiterin wurde plötzlich schwer krank. Die Mutter musste das Kind über mehrere Wochen begleiten. Wir waren gut vorbereitet: Durch unser flexibles Arbeitszeitmodell konnten wir passgenau auf die Bedürfnisse der Mitarbeiterin eingehen. Dadurch, dass wir die Belegschaft für das Thema „Pflege und Beruf“ durch diverse Kommunikationsmaßnahmen und Workshops sensibilisiert hatten, war die Solidarität groß, und alle packten mit an, um der Kollegin den Rücken freizuhalten. Sie konnte auch offen ihr Problem in der Firma ansprechen, denn IANEO hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Leitbild verankert – hier herrscht also Verbindlichkeit. Die Geschäfts- und Abteilungsleitung trägt das mit, und es steht bei uns außer Frage, dass wir Beschäftigten im Notfall helfen.

Wie müssen sich Unternehmen in Deutschland aufstellen, um jüngere Generationen wie die Generation Y und bald auch Z für sich zu begeistern?
Aus meiner Sicht hat das klassische Führungsmodell ausgedient. Gerade die Generation Z will gestalten, einerseits das Unternehmen, in dem sie arbeitet, andererseits aber auch das Privatleben. Passgenaue Modelle werden immer wichtiger: Digitale Arbeitsplätze, hochflexible Arbeitszeitmodelle und eine offene, neugierige Unternehmenskultur sind ein Muss, um Berufs- und Privatleben ideal in der Balance zu halten. Unternehmen können das alles ganz wunderbar von sich behaupten. Diese Generation legt aber größten Wert darauf, dass eine solche Unternehmenskultur tatsächlich gelebt wird, sonst verliert man solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell wieder.


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