Beispiel aus der Praxis

Als Vorbild gebe ich meinen Beschäftigten eine Orientierung

Viele kennen ein Problem, das zuverlässig die Steuererklärung begleitet: Im heimischen „Büro“ herrscht Chaos, die Unterlagen sind eher zufällig als systematisch sortiert. Die Privatbüro Plus GmbH aus Bonn bietet seit 2003 eine ganz besondere Dienstleistung: Das Unternehmen mit zehn Beschäftigten kümmert sich um private Büroangelegenheiten und organisiert die persönliche Verwaltung. Die Inhaberin und Geschäftsführerin Petra Mellinghoff stellt ihre Beschäftigten und damit auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Mittelpunkt ihrer Führungsaufgaben.

 

Sind Sie mit Blick auf Familienfreundlichkeit ein mitreißendes Vorbild, und wenn ja, warum?

Ich bin ein Vorbild, ob ich will oder nicht. Daher möchte ich gerne ein gutes Vorbild sein. Mit meinem Verhalten beeinflusse ich auch das meiner Beschäftigten und damit die Unternehmenskultur insgesamt. Wenn ich möchte, dass mein Unternehmen familienfreundlich ist, dann muss ich mein Verhalten und das meiner Beschäftigten aktiv in diese Richtung steuern. Ich habe vier Kinder großgezogen und gleichzeitig mein Unternehmen gegründet. Die Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kenne ich nur zu gut. Gleichzeitig kann ich mich daran erinnern, wie eine frühere Führungskraft in einem anderen Unternehmen mir wenig Verständnis für meine Vereinbarkeitssituation entgegenbrachte. Für mich ist es jedoch selbstverständlich, auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu achten. Dahinter stehe ich voll und ganz. Mir fällt es leicht, meine Regeln und Werte umzusetzen und authentisch zu bleiben. Ich habe eine positive Einstellung zum Thema Vereinbarkeit. Darum bin ich ein mitreißendes Vorbild. Meine eigenen Erfahrungen helfen mir dabei, mich besser in die Lage von Eltern und pflegenden Angehörigen zu versetzen oder an Lösungen zu denken, die auch mir geholfen haben bzw. geholfen hätten.

 

Warum ist es wichtig, als Führungskraft auch ein familienfreundliches Vorbild zu sein, und welche Voraussetzungen sind dafür nötig?

Ganz einfach: Ich versuche, die Beschäftigten zu unterstützen, damit sie effektiv arbeiten können. Das gelingt sehr gut mit ausgeglichenen und zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit einem Lächeln ins Büro kommen. Ich weiß, unter welchen Stress Eltern geraten können, wenn die Kinder krank werden, zum Arzt müssen, Liebeskummer oder Probleme in der Schule haben. Diesen Stress kann ich nachempfinden und versuche, die Beschäftigten zu unterstützen, damit wir weiterhin gut zusammenarbeiten können.

Voraussetzung dafür ist einerseits meine Einstellung und andererseits unsere familienfreundliche Unternehmenskultur. Diese Kultur fördere ich aktiv, indem ich die nötigen Werte als Vorbild täglich (vor-)lebe. Damit gebe ich meinen Beschäftigten eine eindeutige Verhaltens- und Werteorientierung und baue so die Kultur auf, die ich im Unternehmen haben möchte. Es ist selbstverständlich, dass Beschäftigte in Gleitzeit arbeiten, ihre Kinder ins Büro mitbringen können, unsere Auszubildende und Mutter von drei Kindern vormittags im Homeoffice und nachmittags im Unternehmen in Ruhe für ihre Prüfungen lernen kann oder dass Beschäftigte Unterstützung bei der Betreuung bzw. Pflege ihrer Angehörigen erhalten können.

 

Welche Vorteile hat Ihr Engagement für Ihr Unternehmen?

Ich tue etwas Gutes und bekomme es mehrfach zurück. Die Kolleginnen und Kollegen sind engagiert, motiviert, haben Verständnis füreinander, unterstützen sich gegenseitig und kommen gerne ins Büro – das sagen sie auch ausdrücklich. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir unsere familienfreundliche Unternehmenskultur authentisch und offen leben können. Wenn die Beschäftigten Probleme haben, dann suchen wir gerne im Gespräch nach sinnvollen Lösungen für beide Seiten. Natürlich gibt es Grenzen, meine Einstellung ist jedoch: erstmal versuchen, alle Wünsche so weit wie möglich zu erfüllen. Die familienfreundliche Einstellung im Team sorgt außerdem dafür, dass wir uns auch als Familienmenschen sehen. Wenn Eltern ihre Kinder ins Unternehmen mitbringen, dann wird allen klar: Die Kinder sind ein wichtiger „Teil“ der Kollegin oder des Kollegen, Vereinbarkeit ist für sie oder ihn real.

 

Wo kommen Sie als Vorbild an Grenzen?

Ich kann als Vorbild die Kultur in meinem Unternehmen und im Team beeinflussen und Beschäftigte da unterstützen, wo sie es möchten und wenn sie mir sagen, wo ich ansetzen soll. Ohne diese Informationen kann ich wenig ausrichten. Trotzdem: Um authentisch zu bleiben, muss ich meine persönlichen sowie die rechtlichen Grenzen kennen. Ich darf die Beschäftigten nicht nach ihrer privaten Situation fragen und mich auch nicht einfach so in das Privatleben einmischen. Vor allem darf ich Lebensentwürfe, Entscheidungen usw. nicht werten. Ich kann nur bei der Umsetzung unterstützen, wenn die Beschäftigten es wünschen. Wichtig ist außerdem, dass ich als Führungskraft in bestimmten Fällen externe Hilfe zurate ziehe.

 

Wie arbeiten Sie an der Haltung Ihrer Beschäftigten zum Thema Vereinbarkeit?

Durch viele Gespräche. Sei es beim täglichen gemeinsamen Mittagessen oder bei den Personalgesprächen, die ich übrigens nie im Unternehmen, sondern an einem anderen Ort führe. Die Atmosphäre ist dadurch neutral und ruhig und das Gespräch verläuft ungestört. Für mich ist es auch wichtig, die Beschäftigten am Erfolg des Unternehmens teilhaben zu lassen. Sei es durch Lob, durch finanzielle Anreize oder durch Umsetzung der Ideen aus dem Team. Damit zeige ich ihnen, dass wir mit unserer Kultur und der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, erfolgreich sind.


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