Unternehmenskultur drückt sich in Sprache aus – auch in der Arbeitswelt 4.0

Dr. Simone Burel ist Sprachwissenschaftlerin. Sie ist überzeugt: Aus der Sprache, in der ein Unternehmen sich äußert, lassen sich Rückschlüsse auf seine Kultur ziehen. Schon ein Blick auf die Website verrät viel.

Frau Dr. Burel, was hat Sprache mit Unternehmenskultur zu tun, und wie lässt sich feststellen, ob ein Unternehmen familienbewusst ist?
Eine Unternehmenskultur wird dadurch sichtbar, wie Menschen miteinander kommunizieren. Sprache ist das, woraus eine Kultur zum großen Teil besteht. Durch sie drücken Menschen Wertschätzung, Dank oder auch eine Kritik aus. Ob ein Unternehmen familienorientiert ist, kann auch eine Analyse seiner Homepage zeigen. Kommt das Wort „Familie“ öfter als ein-, zweimal vor? Kommen Begriffe aus dem Wortfeld vor, wie zum Beispiel „Kinder“, „Work-Life-Balance“ oder „Vereinbarkeit“?

In welche sprachlichen Fallen sollte ein vereinbarkeitsorientiertes Unternehmen nicht tappen und welche Tonlage würden Sie empfehlen?
Abraten würde ich, Phrasen zu verwenden wie „Unsere Mitarbeiter sind unsere wichtigste Ressource“ oder „Wir investieren in unsere Mitarbeiter“. Solche Aussagen kommen aus dem Wortfeld „materielle Wertschöpfung“ und sprechen über Beschäftigte wie über Objekte. Der einzelne Mensch wird nicht als selbstständig Handelnder verstanden. Das heißt, er kann auch keine Verantwortung übernehmen. Wichtig ist also, dass ein Unternehmen den verantwortungsvoll handelnden Mitarbeiter als Menschen in den Mittelpunkt stellt und ihn nicht nur als Individuum, sondern in einem sozialen Kontext der Familie sieht.

Wo und wie werden denn Frauen und Männer von Unternehmen angesprochen?
Auch hier zeigt die Karriereseite von Unternehmen, ob überhaupt in männlich und weiblich unterschieden wird. Wenn ja, sagen oft die Bilder sehr viel über die Rollenvorstellungen im Unternehmen aus. Wie viele Frauen und Männer sind zu sehen? Wie ist die Körperhaltung? Lehnt sich beispielsweise der Mann über die Frau, die am Computer sitzt und tippt? Dies wäre ein Hinweis auf eine klassische Rollenverteilung. Beide Geschlechter bedienen aber vielfältigere Rollenbilder, was Unternehmen durchaus widerspiegeln können.

Wie müssen Unternehmen in der Arbeitswelt 4.0 in Familienfragen sprachlich reagieren?
Wir müssen uns klar darüber werden, dass in der Arbeitswelt 4.0 Sprache eine noch viel größere Rolle spielen wird als gegenwärtig. Soziale Netzwerke werden auch für die interne Kommunikation immer wichtiger. Leider beobachte ich den Trend, dass Unternehmen hier sparen. Aber gerade der Gebrauch einer zu den Unternehmenszielen passenden Sprache wird in Zukunft noch wichtiger werden. Denn in den sozialen Medien sehen Beschäftigte keinen Gesichtsausdruck oder Humor und wissen daher nicht, wie eine Aussage gemeint ist. Sie muss daher durch Sprache erklärt werden. Dies bringt wiederum eine gewisse Demokratisierung von Unternehmensprozessen mit sich, womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären und jetzt wissen: Unternehmenskultur drückt sich in Sprache aus.

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