Digitalisierung demokratisiert Unternehmensprozesse

Joachim Bühler ist seit 2011 Mitglied der Geschäftsleitung bei Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. Er sagt: Technische Weiterentwicklungen führen dazu, dass Beschäftigte nach außen als Botschafter ihrer Unternehmen auftreten, weil sie sich zum Beispiel als Vertreter ihrer Unternehmen in sozialen Netzwerken äußern. Diese Kompetenz muss ihnen zugesprochen werden. Hiermit gehen kulturelle Veränderungen einher, die es Vätern und Müttern erleichtern, ihre Wünsche durchzusetzen.

Welche technische Ausstattung benötigen Unternehmen, um die Präsenzkultur schrittweise zugunsten einer Ergebnisorientierung aufzugeben?
Unternehmen müssen ihren Beschäftigten heute nur noch ein Laptop, die entsprechende Software und ein Smartphone zur Verfügung stellen. Früher waren die Kosten für einen Arbeitsplatz wesentlich höher, da Rechnerkapazitäten, Bildschirme, Internetanschlüsse und Telefonie viel teurer waren. Theoretisch können Beschäftigte mithilfe von Videokonferenzen und Cloud-Angeboten zu jeder Zeit und von überall arbeiten. Je flexibler sie tatsächlich zeitlich und räumlich arbeiten, desto unumgänglicher wird eine stärkere Orientierung an Ergebnissen.

Welche technischen Flexibilisierungsangebote sind auch für Unternehmen geeignet, in denen nicht nur am Schreibtisch gearbeitet wird?
Digitalisierung macht nicht nur die Büroarbeit einfacher. Nur ein Beispiel: Für Industrieunternehmen gibt es inzwischen Software, die es den Beschäftigten ermöglicht, ihre Schichten eigenständig einzuteilen. Diese Lösungen sind nicht teuer und auch für Unternehmen mit 90 Leuten im Schichtbetrieb absolut erschwinglich. Außerdem sind sie einfach zu bedienen, das heißt, die Hürden sind wirklich niedrig.

Welche Veränderungsprozesse sind durch diese technikgetriebene rasante Entwicklung aus Ihrer Sicht nötig und wie profitieren Väter davon?
Früher waren Äußerungen über ein Unternehmen grundsätzlich Chefsache. Heute äußern sich Beschäftigte als Vertreter ihrer Unternehmen in sozialen Netzwerken. Dazu müssen Unternehmen ihnen die entsprechenden Kompetenzen auch zuschreiben. Das heißt, es gibt einen Dialog mit den Beschäftigten, der die Kultur in Unternehmen zwangsläufig verändert. Die Digitalisierung führt zu einer Demokratisierung der Unternehmensprozesse. Die junge Generation fordert selbstverständlich Elternzeit auch für Väter, Sabbaticals und vieles mehr – wie zum Beispiel Homeoffice. Dieses Klima nützt natürlich auch Vätern und Müttern.

Wohin geht Ihrer Ansicht nach der Trend in der Nutzung des Homeoffice?
Wir haben zum Thema Homeoffice im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage durchgeführt: Für 75 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland mit klassischen Büroarbeitsplätzen besteht nach wie vor eine Anwesenheitspflicht. Nur 24 Prozent der Unternehmen meinen, dass diese Arbeitsplätze an Bedeutung verlieren werden. 30 Prozent der Unternehmen glauben zwar, dass der Anteil der Beschäftigten, die ganz oder teilweise vom Homeoffice aus arbeiten, steigen wird, 64 Prozent sind aber der Ansicht, dass er konstant bleiben wird. Die Zahlen deuten nicht daraufhin, dass Homeoffice-Angebote sehr stark zunehmen werden. Was sich verändern wird, ist die Arbeitskultur, die auch dank Digitalisierung weniger hierarchisch sein wird. Wir werden ein stärkeres Dialogprinzip mit einer Begegnung auf Augenhöhe erleben.


 Ergebnisorientierung ist ökonomisch sinnvoll

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist heute ein harter Wettbewerbsfaktor, unterstreicht Dr. Tim Bisping, Bereichsleiter People & Organisations Strategy bei Vodafone. Auf Präsenz der Beschäftigten zu pochen verkennt den Trend zur Flexibilisierung und Individualisierung und unterstellt, dass Beschäftigte im Homeoffice Privates erledigen, am Büroarbeitsplatz dagegen produktiv sind. Falsch, meint Tim Bisping.

Herr Bisping, das 1. Väter-Barometer von 2015 ergibt: 54 Prozent der Väter würden gerne weniger arbeiten. Welche Schritte sind in Betrieben dafür nötig?
Wir brauchen eine Unternehmenskultur, die zulässt, dass Beschäftigte die vielfach gegebenen Möglichkeiten zur Teilzeit tatsächlich auch nutzen. Das gilt ganz besonders für Väter. Bei uns besteht Vollzeit aus 35 bis 40 Stunden, jeder kann frei wählen. Dies kommt dem Wunsch vieler Väter nach vollzeitnaher Teilzeit entgegen. Wir brauchen außerdem den Mut, uns nicht mehr an der Präsenz, sondern an den Ergebnissen zu orientieren.

Wie lässt sich Ergebnisorientierung betrieblich umsetzen und welche Vorteile gibt es?
Wichtigste Voraussetzung für mehr Ergebnisorientierung ist, sich von der Präsenzkultur und starren Bürozeiten zu lösen. Salopp gesagt: Ich denke, Unternehmen müssen die Leine langsam länger werden lassen. Seit 2010 bieten wir bei Vodafone flexible Arbeitszeiten, damals noch mit der Möglichkeit, bis zu 20 Prozent im Homeoffice zu arbeiten. Seit 2012 sind für weite Teile der Belegschaft sogar 50 Prozent Homeoffice möglich. Neben mehr Zufriedenheit unter den Beschäftigten sehen wir eine deutliche Produktivitätssteigerung. Unsere modernen mobilen Arbeitsplatzbedingungen und die Digitalisierung unserer Arbeitswelt erleichtern und intensivieren den teamübergreifenden Austausch. Unsere Mitarbeiter bilden quasi Projekt-Netzwerke untereinander, was zu vielen neuen Ideen führt.

Die Vereinbarkeitswünsche von Vätern scheitern oft an der Sorge von Führungskräften, ihre Steuerungsmöglichkeiten zu verlieren. Ist das aus Ihrer Sicht berechtigt?
Ich halte das Argument der Skeptiker von mobilem Arbeiten, Führungskräfte würden die Kontrolle über ihr Team verlieren, für falsch. Auch im Homeoffice können Führungskräfte bei ihren Mitarbeitern sehr präsent sein. Führungskräfte müssen dem Trend zur Individualisierung und Flexibilisierung gerecht werden. Das klappt nur, wenn sie lernen, beratend zu führen.

Vodafone Global hat für seine Beschäftigten seit Kurzem auch in Deutschland ein neues Elternzeit-Angebot eingeführt. Inwiefern ergänzt es das gesetzliche Elterngeld und wie profitieren Väter davon?
Auch bei Vodafone sind die großzügigen deutschen Elternzeitregelungen mit Elterngeld von bis zu 14 Monaten etabliert. Mit dem neuen Angebot wollen wir darüber hinaus ein attraktives Angebot machen, wieder früher in den Job einzusteigen und trotzdem Zeit für die Familie zu haben. Es erlaubt Müttern und Vätern, ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden zu reduzieren, dabei aber ein halbes Jahr lang das volle Gehalt zu beziehen. Voraussetzung dafür ist, dass Mütter sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes wieder einsteigen und Väter innerhalb des ersten Lebensjahres ihres Kindes mindestens 14 Wochen Elternzeit ohne Teilzeit nehmen. Damit wollen wir Vätern die Chance geben, ihren Beitrag zur Erziehungs- und Familienarbeit zu leisten.

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