Klartext

Auszeiten müssen an Normalität gewinnen

In der Rubrik „Klartext“ stellen wir eine These zum jeweiligen Schwerpunktthema auf und bitten Expertinnen oder Experten, dazu knapp Stellung zu nehmen. Lesen Sie in dieser Ausgabe Beiträge von Stefan Reuyß, Soziologe beim sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitut SowiTra, sowie Thomas Degel, Pressechef beim IT-Dienstleister IANEO. Bei den Kommentaren handelt es sich um persönliche Ansichten der Autoren.

These: Was der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte nicht bewerkstelligen konnte, wird in Zukunft der Wandel der Arbeitswelt erreichen: Die demografische Lücke und der zunehmende Fachkräftemangel werden mehr Partnerschaftlichkeit bei der Erwerbs- und Familienarbeit von Beschäftigten herbeiführen. Unternehmen der Zukunft können es sich nicht mehr leisten, dass die zuverdienende Mutter Haushalt, Kinder und Co. managt. Deswegen werden sie Männern und Frauen gleichermaßen Angebote zu einer moderat verkürzten Vollzeit machen. Richtig oder falsch?

 

Stefan Reuyß

Mehr Flexibilität wagen und die digitale Dividende nutzen

Die demografischen Veränderungen und der zunehmende Fachkräftemangel bergen – insbesondere in Kombination mit der steigenden Digitalisierung der Arbeitswelt – das Potenzial für eine bessere Vereinbarkeit für Frauen und Männer. Ein Selbstläufer ist das Ganze aber nicht.

Angesichts der drängenden Probleme in der Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit und der gesundheitlichen Risiken für die Beschäftigten, die immense Kosten für die Solidargemeinschaft verursachen, lautet die zentrale Frage daher: Wie kann Flexibilität wirtschaftlichen Bedarfen gerecht werden, zugleich aber sozialverträglich gestaltet werden und Zeitsouveränität für den Einzelnen sicherstellen?

Hier gilt es, Teile der digitalen Dividende zu nutzen, denn der technologische Fortschritt macht Homeoffice oder andere Formen digital gestützter mobiler Arbeit in neuer Weise möglich. Für Erwerbstätige ergibt sich damit die Option, auch von zu Hause oder gänzlich anderen Orten aus zu arbeiten. Dies kann wesentlich zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen.

Darüber hinaus muss die Arbeitszeit so definiert und organisiert werden, dass sie Familien- und Sorgearbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkennt. Wir brauchen materielle Absicherung und Teilhabechancen jenseits der Vollzeit: Arbeitszeitreduktionen und Auszeiten müssen in einer Gesellschaft, in der Sorgearbeit und Qualifizierung als selbstverständliche Bestandteile des Lebenslaufs anerkannt werden, an Normalität gewinnen.

 

Thomas Degel

Richtig und falsch!

Unsere Gesellschaft ist im Umbruch, mit ihr nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch und vor allem die Lebensentwürfe der Menschen. Neue Formen des Verständnisses von „Familie“ kommen hinzu. Auch ein Sabbatical ist heute nicht mehr das, was es früher war: ein exklusives Auszeit-Erlebnis für Privilegierte. All das muss bedacht werden, wenn wir an „Vereinbarkeit“ und Arbeitszeitmodelle denken.

Kurzum: Nichts ist für einen Arbeitgeber planbar, wenn es darum geht, den Mitarbeitern ein Arbeitszeitmodell anzubieten.

Das klingt nun schlimmer, als es ist! Ich denke, das Unternehmen der Zukunft kann es sich nicht leisten, nicht mit dem gesellschaftlichen Trend zu gehen. Das bedeutet im Hinblick auf die Arbeitszeitmodelle, dass Individualität und Passgenauigkeit im Vordergrund stehen müssen.

Eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit – auch bei denjenigen, die sie vielleicht gar nicht wollen – scheint mir deshalb zu kurz gedacht. Ich spreche für die IT-Branche: Ein Arbeitgeber, der sich vorbereitet, verschiedene Arbeitszeitmodelle bereithält und sich flexibel an die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter anpassen kann, der wird keine Schwierigkeiten haben, Mitarbeiter zu finden und zu halten – auch in Zukunft nicht.

Wir vereinbaren die Arbeitszeit mit unseren Mitarbeitenden individuell. Es gibt kein vorgefertigtes „einziges“ Modell. Unterm Strich zählt das Ergebnis. Ob das in 34 oder in 40 Stunden pro Woche erreicht wird: so what?! Zwischen Frau und Mann unterscheiden wir dabei nie.

 


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