Ein Tag mit ...

Eckert & Ziegler: Wir treffen nie einsame Entscheidungen

„Wir sind hier am Standort in Berlin-Buch: 230 Beschäftigte, 41 davon in Teilzeit, 129 mit Kindern, 12 Kolleginnen und Kollegen sind gerade in Elternzeit.“ Anita Überheim ist perfekt auf das Gespräch vorbereitet. Die Volljuristin ist Human Resources Director Europe bei der Eckert & Ziegler Strahlen- und Medizintechnik AG, einem Hersteller von Produkten zur Strahlentherapie und zur Behandlung von Krebserkrankungen. Standort ist der Campus in Buch, auf dem über 60 Unternehmen – von der Fahrradwerkstatt bis zum Forschungsinstitut – angesiedelt sind.

Fünf bezahlte Tage Sonderurlaub pro Kind pro Jahr
Der weiße Neubau mit dem auffälligen, oben weit über die Fassade herausragenden ovalen Raum hat große Fensterfronten. Entsprechend hell sind die Besprechungsräume. Auf die Frage, welches das meistgenutzte Instrument zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, antwortet Überheim, ohne eine Sekunde zu zögern: „Unsere Gleitzeitregelung.“ Kernarbeitszeit ist von 9 bis 14.30 Uhr (freitags nur bis 13 Uhr), die Rahmenarbeitszeit liegt zwischen 6 und 20 Uhr. Die Beschäftigten können bis zu zwei Gleittage im Monat nehmen, bei persönlichen Akutsituationen können alle, die keinen Urlaub mehr haben, bis zu 20 Stunden in den Minusbereich gehen. Ab 40 Plusstunden muss ein Antrag gestellt werden, um die Mehrstunden in den nächsten Monat zu nehmen. Besonders attraktiv für Familien ist die Möglichkeit, zusätzlich zu den gesetzlich verankerten zehn Tagen unbezahlter Freistellung, wenn ein Kind krank ist, fünf bezahlte Tage Sonderurlaub pro Kind pro Jahr zu nehmen. „Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Überheim nicht ohne Stolz.

Individuell und trotzdem in Absprache mit dem Team
„Wir spüren es immer noch deutlicher, wenn Frauen Mütter werden, als wenn Männer Nachwuchs bekommen“, berichtet Claudia Wolf, Kollegin von Anita Überheim aus dem Personalbereich und Wirtschaftsjuristin. „Dennoch ist die Frage, ob jemand ein kritisches Alter in Richtung Familiengründung haben könnte, niemals ein Kriterium bei Einstellungen.“ Da die Teams in der Regel altersgemischt sind, bestehen dort auch ganz unterschiedliche Vereinbarkeitsbedürfnisse. Der Altersdurchschnitt im Unternehmen ist mit 43 Jahren recht hoch. Die Schere sei groß, so Wolf. Das Unternehmen übernimmt viele junge Leute nach der Ausbildung und hat gleichzeitig einen Stamm an älteren Kolleginnen und Kollegen. 62 Prozent sind Männer, 38 Prozent Frauen. Väter gehen selbstverständlich in Elternzeit, allerdings vorwiegend für zwei Monate. Auf die Frage, ob es väterspezifische Angebote gibt, meint Wolf, nein, die gäbe es nicht, alles sei sehr individuell. Damit beschreibt sie ein gewisses Dilemma: Einerseits ist das Unternehmen bestrebt, den Wünschen nach individuellen Ausformungen allgemeiner Angebote entgegenzukommen, andererseits bedeutet dies ein hohes Maß an Abstimmungen innerhalb der Teams. Wie lässt sich dies organisieren?

Der Vereinbarkeitsbegriff bei Eckert & Ziegler ist weit gefasst. „Wir sprechen über die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben“, stellt Überheim klar. Führungskräfte müssten lernen, wie sie mit den Wünschen ihrer Teammitglieder umgehen. „Die Kolleginnen und Kollegen möchten mehr und mehr in Teilzeit arbeiten.“ Hier Lösungen auszuhandeln, die für das ganze Team tragfähig sind, ist Teil des Führungskräftetrainings. Überheim berichtet zum Beispiel von einer Sachbearbeiterin in Teilzeit, die nach der Elternzeit noch einmal Stunden reduzieren wollte. Bevor sie den Antrag gestellt habe, habe sie selbstverständlich mit ihrem Team gesprochen und eine Regelung herbeigeführt, mit der alle gut leben können. „Wir treffen nie einsame Entscheidungen“, betont die Personalchefin.

Rücksichtnahme schmiert die vielen Rädchen der Zusammenarbeit
Absprachen zu treffen wird immer wichtiger, gerade für ein so international aufgestelltes Unternehmen wie Eckert & Ziegler. Führungskräfte hätten inzwischen verinnerlicht, dass auch Väter in Elternzeit gehen und eine wachsende Anzahl Beschäftigter gerne in Teilzeit arbeitet. Gegenseitige Rücksichtnahme sei eine unabdingbare Voraussetzung für eine gelingende Zusammenarbeit. „Die Kollegen aus unserer Niederlassung in Kalifornien sind bereit, sehr früh aufzustehen, um mit uns trotz der neun Stunden Zeitverschiebung zu kommunizieren“, berichtet Überheim. „Wenn Sie um 18 Uhr hier im Haus durch die Flure laufen, werden Sie kaum noch Kolleginnen und Kollegen antreffen – die Vereinbarkeit bei uns sieht man auch daran ganz konkret.“

Rücksicht nimmt auch Karolin Riehle, Unternehmenssprecherin. Sie begann 1999 in Vollzeit bei Eckert & Ziegler und reduzierte 2008 nach der Geburt ihres Sohns und einer einjährigen Elternzeit auf 28 Stunden. Als Sprecherin eines börsennotierten Unternehmens heißt das, auch bei wichtigen privaten Terminen mal alles stehen und liegen zu lassen, wenn etwas Unvorhersehbares zeitnah veröffentlicht werden muss. „Aus Rücksicht auf meine Kollegen bin ich eigentlich immer erreichbar“, berichtet die 53-jährige Romanistin und Volkswirtin. Da sie aber Arbeit und Familie in Einklang bringen kann, macht ihr das nichts aus. Um eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu halten, arbeitet auch ihr Mann trotz Führungsposition in Teilzeit. „Wir teilen uns Erwerbsarbeit und die Erziehung unseres Sohns sowie die ganze Arbeit zu Hause wirklich partnerschaftlich“, berichtet sie.

Vereinbarkeit als strategisches Ziel etablieren
Anita Überheim muss zu ihrem nächsten Termin. Bevor sie losgeht, resümiert sie noch einmal: „Wir wachsen stetig, haben aber immer noch eine Mittelstandsgröße, sodass wir für all die Themen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwar Lösungen für die Belegschaft parat haben, aber das Thema ist noch nicht Teil unserer strategischen Ausrichtung.“ Das zu realisieren, so die Fachfrau, sei der nächste große Schritt.


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