Beispiel aus der Praxis

„Du hast uns gerade noch gefehlt!“

Zwei Studenten gründen ein Unternehmen für Licht- und Tontechnik, das schnell wächst. Alle kümmern sich um alles, jeder denkt beim anderen mit. Das Team ist jung und passt sich anfangs mühelos den sich rasant ändernden Bedingungen des Marktes an. Intuitiv machen die beiden Gründer vieles richtig und sind schnell sehr erfolgreich. So geschehen vor 25 Jahren bei der heute mit 550 Beschäftigten an neun Standorten international agierenden Produktionsfirma für Events satis&fy in Karben bei Frankfurt a. M. Das Unternehmen hat sich inzwischen Strukturen gegeben – allerdings, wie der Vorstand für Unternehmensentwicklung Galia Díez betont, demokratisch und bottom-up. Die Beschäftigten sind hochflexibel, das Unternehmen ist es auch. „Vor Kurzem hat ein Vater gebeten, dass er ein halbes Jahr lang jeden Tag um 14 Uhr gehen kann, weil sein Sohn Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben hat“, berichtet Díez. Das Team habe sich zusammengesetzt und gemeinschaftlich ausgehandelt, wer was übernimmt, sodass der Vater seinen Wunsch umsetzen konnte.

Führungskräfte bilden sich fort zu echten „Kümmerern“
Führungskräfte erhalten Coaches, um sich zu Vorgesetzten zu entwickeln, die auf Machtausübung und Kontrolle als Führungsinstrumente verzichten. Sie beraten sich kollegial gegenseitig und haben in einer sogenannten Businesspartnerschaft eine feste Ansprechperson aus der Personalabteilung, die sie befähigt, sich selbst um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kümmern. „Die Personalabteilung unterstützt, wenn es nötig ist, aber bei uns sind Führungskräfte empathische Zuhörer und machen (fast) alles möglich“, so Díez. Es wird nur fast alles möglich gemacht, da sich das Unternehmen projektbasiert und an den Bedürfnissen und Wünschen seiner Kunden ausrichtet. Erfordern das Projekt und der Kunde keine ständige Anwesenheit, kann jeder so oft und so lange in Abstimmung mit seinem Team im Homeoffice arbeiten, wie er möchte. Die Zeiterfassung wird von allen Mitarbeitenden selbst eingepflegt. Kommt es in einem Projekt zu Überstunden, kann der- oder diejenige zum Beispiel nach Ende der Arbeitsphase so lange später kommen, bis die Überstunden abgebaut sind. Die Kultur von satis&fy basiert auf Vertrauen und dieses soll sich im Verhalten der Führungskräfte genauso widerspiegeln wie in der Organisation der eigenen Arbeitszeiten und -orte.

Das Unternehmen zahlt seinen Beschäftigten einen Kinderbetreuungskosten-Zuschuss bis 150 Euro und ist Partner auf verschiedenen Nanny-Plattformen. „Bei der betrieblichen Kinderbetreuung wollen wir in Zukunft noch mehr tun“, berichtet Díez. „Wir brauchen einen Überblick über unsere Einzelleistungen und wollen Angebote aus einem Guss machen.“

Wiedereinstieg nach drei Monaten klappt durch Flexibilität auf allen Seiten
Hinter all diesen Anstrengungen steht die Haltung, den Beschäftigten einerseits eine höchstmögliche Flexibilität und Entwicklungsmöglichkeit zu bieten und andererseits wirtschaftlich durch eben diese Flexibilität erfolgreich zu sein. Und so greift alles Hand in Hand: die fachliche und persönliche Entwicklung, die Arbeitszeitflexibilität und die Unterstützung bei der Kinderbetreuung und beim – je nach Wunsch schnellen oder späteren – Wiedereinstieg nach der Elternzeit. „Ich wollte nach drei Monaten wieder in Vollzeit anfangen, was zwar gelungen ist, aber nur, weil ich teilweise im Homeoffice gearbeitet habe, meine Kollegen auch zu mir nach Hause gekommen sind und alle ihren Beitrag dazu geleistet haben“, erinnert sich Díez. Um so vertrauensvoll zusammenarbeiten zu können, muss es zwischen den Personen passen. Das Unternehmen schaut deshalb bei Bewerbungen weniger auf die fachliche Qualifikation, sondern auf den gesamten Menschen. Auf der Karriereseite des Unternehmens liest man dann auch als Erstes in großen Buchstaben: „Du hast uns gerade noch gefehlt!“


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