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Wie das Sozialunternehmen Quartiermeister die Krise meistert

Bier gehört zu Deutschland wie Käse zu Frankreich oder Pizza und Pasta zu Italien. Doch die Corona-Krise macht auch vor der Bierbranche nicht halt. Wie Quartiermeister, eine Biermarke und Social Business aus Berlin, die letzten Wochen erlebt hat, erzählen die beiden Geschäftsführer Peter Eckert und David Griedelbach.

Die Geschäftsführer David Griedelbach und Peter Eckert. Quelle: Quartiermeister

In den vergangenen Jahren ist Quartiermeister kontinuierlich gewachsen. So stieg der Umsatz in 2019 um rund 30 Prozent. Für 2020 war ein Zuwachs zwischen 25–30 Prozent geplant. Mit der Corona-Pandemie sind diese Ziele nun passé, denn den Großteil des Umsatzes macht Quartiermeister in der Gastronomie, in Clubs und auf Festivals. Durch den Lockdown brach der Umsatz im April um 80 Prozent ein; alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten vorerst in Kurzarbeit gehen. „Bisher war ich davon überzeugt, dass Bier krisenfest ist: Die Menschen trinken es in guten wie in schlechten Zeiten. Aber ein Lockdown des öffentlichen Lebens – damit hat niemand von uns gerechnet“, sagt Peter Eckert über die aktuelle Situation.

Homeoffice-Regelung vor Corona-Krise

Bereits vor der Krise konnten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mindestens einen Tag in der Woche aus dem Homeoffice arbeiten. Das hängt auch von der jeweiligen Tätigkeit ab, da die Beschäftigten im Innendienst mehr im Homeoffice arbeiten können als diejenigen im Vertrieb. Aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Außendienst versucht Quartiermeister so viel Flexibilität zu ermöglichen, wie sie brauchen. Während einige am Vormittag arbeiten möchten und dann zum Beispiel für den Vertrieb in Supermärkten zuständig sind, übernehmen andere lieber nachmittags den Vertrieb in Bars, Konzertsälen und Clubs. Geschäftsführer David Griedelbach kommt zu der Erkenntnis, dass durch die Krise deutlich mehr Aufgaben als angenommen aus dem Homeoffice erledigt werden können: „Der Umgang mit digitalen Tools ist souveräner geworden. Früher haben wir meistens nur telefoniert, jetzt hat jede/r Zoom und Skype installiert. Gleich in der ersten Woche des Lockdowns haben wir Regeln für Telefonkonferenzen festgelegt: Agenda und Protokoll gehören auch bei digitalen Terminen immer dazu und jede/r achtet darauf, dass Mikro auszuschalten, wenn er/sie nicht spricht.“

Neue Formate und Zusammenhalt

Durch die Krise werden auch neue digitale Formate ausprobiert. So wurde zum Beispiel im April das erste Mal ein „Wertueller Kneipenabend“ zum Thema Agilität und Flexibilität live auf Instagram veranstaltet. Geschäftsführer Peter Eckert berichtete dabei auch, wie Quartiermeister auf die aktuelle Krise reagiert und mit anderen Unternehmen zusammenarbeitet: „Als die Ankündigung kam, dass Bars und Restaurants schließen müssen, haben wir uns mit anderen Berliner Unternehmen, die soziale oder ökologische Zwecke verfolgen, zusammengeschlossen und mit dem Stay Home Club einen Online Shop ins Leben gerufen, der in Zeiten der Corona-Krise Getränke, Bio-Obst und Hygieneartikel nach Hause liefert. Pro Bestellung gehen zehn Prozent des Bestellwerts an örtliche Clubs und Künstlerinnen und Künstler.“ Zudem sollen auch Chancen der aktuellen Situation wahrgenommen werden, um neue Instrumente anzuwenden: „Wir wollen die ruhigere Zeit auch nutzen, um den Fortschrittsindex auszuprobieren und uns selber in Hinblick auf Vereinbarkeit zu testen.“ Der Fortschrittsindex Vereinbarkeit ist ein Messinstrument des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“, um die betriebliche Familienfreundlichkeit regelmäßig zu messen und gezielt weiterzuentwickeln.

Kommunikation fordert mehr Zeit

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Büroräumen in Berlin. Quelle: Lea Hopp/ Quartiermeister

Die interne Kommunikation ist momentan sehr wichtig, da die ungewisse Zukunft die Beschäftigten verunsichert, besonders diejenigen mit familiärer Verantwortung. „Wir spüren, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade ein größeres Bedürfnis nach Informationsaustausch, aber auch nach Führung haben. Alles was wir sagen, wird sehr ernst genommen, deshalb müssen wir unsere Worte besonders vorsichtig wählen,“ sagt Geschäftsführer Peter Eckert. Auch David Griedelbach fällt das auf: „Ich achte viel stärker darauf, wie ich kommuniziere. Gleichzeitig ist es ohne direkte face-2-face-Kommunikation schwieriger einzuschätzen, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das Gesagte reagieren.“ Schon vor der Krise gab es montags immer eine Einstiegsrunde, in der jede/r erzählt wie es ihm/ihr gerade geht. Peter Eckert ergänzt, dass es dem Team in der aktuellen Situation sehr hilft, dass auch vorher schon regelmäßig über Emotionen gesprochen und auf das psychische Wohlbefinden und menschlichen Umgang geachtet wurde.

Transparente Führung in der Krise

Insgesamt ist die Situation für die Geschäftsführer sehr fordernd, da sie sich einerseits inhaltlich und organisatorisch neu ausrichten müssen – das heißt neue Vertriebskanäle erschließen und digitale Formate ausprobieren – und andererseits noch mehr Zeit für die interne Kommunikation mit den Beschäftigten investieren. Doch gerade in der Krise sind für die beiden Transparenz und offene Kommunikation zentral: „Wir haben unseren Angestellten verschiedene Szenarien aufgezeigt und auch die schlechten nicht ausgespart.“ Die Geschäftsführer haben sich für alle Entscheidungen Feedback von ihren Beschäftigten eingeholt und informieren diese kontinuierlich über die Situation, in der sich das Unternehmen befindet. „Das waren erstmal keine schönen Gespräche. Aber indem wir gemeinsam überlegt haben, wie wir durch die Krise kommen, wurde der Zusammenhalt gestärkt“, erzählt Peter Eckert.

Über das Unternehmen

Quartiermeister ist eine Biermarke und ein Social Business, das mit dem Gewinn aus dem Bierverkauf soziale Projekte in der Nachbarschaft fördert. Social Businesses versuchen, gesellschaftliche Probleme mit innovativen Methoden und Produkten zu lösen. Auf der Website von Quartiermeister können die Kundinnen und Kunden monatlich abstimmen, welche Projekte die Spenden erhalten sollen. Bisher kamen so über 180.000 Euro für über 160 Projekte zusammen, z. B. für die Prinzessengärten in Kreuzberg oder auch Selbsthilfeläden in der Gegend. Quartiermeister wurde 2010 in Berlin gegründet und beschäftigt mittlerweile 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an mehreren Standorten in Deutschland, die sich um den Vertrieb und die Vermarktung des Produkts kümmern. Die insgesamt neun Biersorten lässt Quartiermeister in verschiedenen regionalen Partnerbrauereien produzieren, um die Lieferwege möglichst kurz zu halten und lokale Wertschöpfung zu stärken.

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