Netzwerken Startseite |

Einblick in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Japan

Erfolgsfaktor Familie spricht mit japanischer Delegation über Vereinbarkeit in Fernost

Im Rahmen des jährlich stattfindenden Deutsch-Japanischen Austauschprogramms, welches das Deutsch-Japanische Zentrum in Berlin durchführt, informierten das Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag e. V. auch in diesem Jahr junge, berufstätige Japanerinnen und Japaner im Alter von 18 bis 35 Jahren über Hintergründe und Maßnahmen einer familienfreundlichen Arbeitswelt in Deutschland.

Um mit- und voneinander zu lernen, erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen breiten Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt sowie in Maßnahmen für mehr Work-Life-Balance und Karriereplanung in Deutschland. Gleichzeitig berichteten sie über die aktuelle Situation in Japan. Eine Zusammenfassung im Frage/Antwort-Format können Sie nachfolgend lesen:


Welchen Stellenwert hat das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ in der japanischen Arbeitswelt heute?

Den Stellenwert – oder besser noch „Sinn und Zweck“ – der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ sehen wir darin, einen komfortablen Arbeitsplatz bzw. eine angenehme Arbeitssituation zu schaffen. Auch aus diesem Grund spielt in Japan – genauso wie in Deutschland – die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ bei der Sicherstellung von Fachkräften eine große Rolle. Dabei geht es insbesondere darum, wie man Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Fachkenntnissen an das Unternehmen bindet. Angenehme Arbeitsbedingungen (Anzahl der Urlaubstage im Jahr, Möglichkeit einer ausgewogenen Work-Life-Balance usw.) gelten als Anreiz, sodass sie in Stellenausschreibungen prominent und offensiv beworben werden.


Welchen Wandel und welche Maßnahmen gibt es aktuell zu dem Thema?

Die öffentliche Meinung in Bezug auf die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ hat sich im Lauf der letzten Jahre verändert. Laut Meinungsumfrage über Frauenförderung (Untersuchung des Kabinettbüros aus dem Jahr 2014) waren schon 2002 mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass der Satz „der Mann arbeitet außer Haus, derweil die Frau das Heim beschützt“ obsolet sei. Des Weiteren zeigt die Meinungsumfrage über eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gemeinsam und gleichermaßen partizipieren können (Untersuchung des Kabinettbüros aus dem Jahr 2016) auf, dass mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung sind, es sei besser, auch nach der Geburt des Kindes (bzw. der Kinder) berufstätig zu bleiben.


Welche Angebote zur Vereinbarung von Familie und Beruf gibt es derzeit?

Schwangere Frauen können Anfangs- und Endzeit der Arbeitsstunden verschieben, um z. B. die Stoßzeiten im ÖPNV zu umgehen und so weniger überfüllte Verkehrsmittel im ÖPNV nutzen zu können. Zudem können sie die Arbeitsstunden reduzieren.

Darüber hinaus haben Eltern für den Fall einer Erkrankung oder Gesundheitsuntersuchung eines Kindes pro Jahr fünf gesonderte Urlaubstage. Bei zwei und mehr Kindern sind es zehn Tage im Jahr.

Im Pflegefall in der Familie (Großeltern bis Enkelkinder) erhalten Betroffene fünf gesonderte, nicht bezahlte Urlaubstage pro Jahr. Bei zwei und mehr Pflegebedürftigen sind es zehn Tage im Jahr. Diese unbezahlten Urlaubstage können stunden- oder tageweise beansprucht werden.

Außerdem dürfen Beschäftigte ihre Pausenzeiten verkürzen und dadurch die gesamte Verweildauer am Arbeitsplatz verringern.

Auf der politischen Agenda stehen folgende Themen:

▌   2017 hat die Regierung den Plan zur „Arbeitsstilreform“ erstellt, um die unverhältnismäßig langen Überstunden abzubauen und eine Gesellschaft aufzubauen, in die sich die Frauen aktiv einbringen können.

▌   Menschen, die in ihrer jeweiligen Region/Gemeinde Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder Pflege benötigen oder die Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder Pflege (gegen Entgelt) anbieten möchten, werden Mitglieder in einem der japanweit existierenden „Zentren zur Unterstützung der Familien“, die von einer nachgelagerten Behörde des Gesundheitsministeriums gegründet wurden und verwaltet werden. Die Zentren bringen Interessierte und Anbieterinnen und Anbieter zueinander.

▌   Zudem gibt es japanweit ca. 65 Beratungszentren, an die sich Ehepaare mit Kinderwunsch wenden können, die bislang keine Kinder bekommen konnten. Die Aufgabenbereiche dieser Zentren sollen erweitert werden.

▌   An der Universität Ōsaka und der Tōkyō Metropolitan University gibt es Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder ihrer Lehrkräfte, Angestellten und Studierenden. Lehrkräfte und Angestellte der öffentlichen Schulen der Präfektur Tōkyō können zusätzlich zum normalen bezahlten Urlaub weitere sieben Urlaubstage im Jahr in Anspruch nehmen, wenn beispielsweise ihre Kinder erkranken.

 

Nutzen Sie die Möglichkeiten der Digitalisierung, um Homeoffice oder mobiles Arbeiten zu ermöglichen?

Ja, wir haben Homeoffice und mobiles Arbeiten. Dabei nutzen wir Cloud-Funktionen (von Google, Apple u. a.) oder Thin Client bei der Datenerstellung und Verwaltung der Kundeninformationen. Je nach Branche werden sicherlich auch in Zukunft verschiedene digitale Werkzeuge eingeführt werden, um die Arbeitseffizienz zu erhöhen.

 

Wie stellen sich junge Beschäftigte in Zukunft ihre Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor?

In Japan wird die Alterung der Gesellschaft weiter voranschreiten, sodass die Nachfrage in Bezug auf Kranken- und Altenpflege weiter steigen wird. Doch mit der zunehmenden Zahl älterer Menschen und der abnehmenden Zahl Erwerbsfähiger fehlt es heute schon an professionellem Pflegepersonal; der demografische Wandel wird diesen Mangel noch verschärfen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird – bei Beibehaltung des jetzigen Arbeitsstils und der gesellschaftlichen Struktur – nicht gegeben sein. Zur Sicherstellung der Pflege werden seit einigen Jahren Zuwanderer aus dem Ausland eingestellt und Roboter zur Pflegeunterstützung eingeführt. Ferner ist zu erwarten, dass die Pflege nicht mehr in Eigenregie durchgeführt wird, sondern unter Zuhilfenahme diverser Dienstleister, wie beispielsweise Tagespflegeeinrichtungen.

Zunehmend mehr Arbeitnehmer denken auch an die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung. Deswegen werden die Unternehmen sich künftig dafür einsetzen, den Bedürfnissen dieser Angestellten zu entsprechen, damit sie ihr Personal halten können. Beispielsweise kann durch die Einführung einer Vier-Tage-Woche oder die Abschaffung von Kernzeitregelungen eine flexible Arbeit ermöglicht werden.

In Japan haben wir noch viele Aufgaben zu meistern. Bei unserer Deutschlandreise haben wir diverse Arbeitsmodelle, beispielsweise flexible Arbeitszeitregelungen, und eine vielfältige Gesellschaft kennengelernt. Nun liegt es an unserer Generation, die in Deutschland gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse einzusetzen, um den Arbeitsstil in Japan zu verbessern.

Teile: