Corona

Familienbewusstsein als aktives Risikomanagement: Glaubwürdigkeit zahlt sich aus

Nach vier Monaten Vereinbarkeit im Zeichen von Corona zeichnet sich ab, dass familienbewusste Unternehmen für den Ausnahmezustand besser aufgestellt waren als Unternehmen ohne familienbewusste Maßnahmen. Aber auch Beschäftigte haben unmittelbar erlebt, ob in ihrem Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein krisenfestes Versprechen oder Schönwetterpolitik ist – mit den entsprechenden Auswirkungen auf Loyalität, Vertrauen und MitarbeiterInnenbindung.

Quelle: Unsplash/Sandy Millar

Die Bedeutung von Vereinbarkeit ist in der Corona-Krise sichtbar geworden wie nie zuvor – und zwar für Beschäftigte und Unternehmen, allerdings nicht als Lippenbekenntnis, sondern in der konkreten betrieblichen Praxis. Denn die Glaubwürdigkeit als attraktiver Arbeitgeber kann nachhaltig erschüttert werden, wenn Beschäftigte mit Vereinbarkeitsverpflichtungen in solchen Situationen keine Unterstützung erfahren bzw. ohne flexible Arbeitsbedingungen die Betreuung der Kinder nur unter größten Anstrengungen gewährleisten konnten. Die negativen Auswirkungen auf Motivation und das Zugehörigkeitsgefühl der Beschäftigten sind schwer zu heilen, wenn z.B. Überstunden- und Urlaubskonten die Ausfallzeiten nicht mehr abdecken und auch finanzielle Einbußen durch zum Beispiel unbezahlte Freistellungen entstehen.

Eine familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik, die strategisch aufgesetzt und langfristig verfolgt wird, kann diese Krisenfolgen jedoch abmildern. Dies spiegeln die Ergebnisse der Kurzumfrage „Stark in und nach der Krise – Corona und Vereinbarkeit“, die die berufundfamilie Service GmbH im Mai 2020 durchgeführt hat, wider:

  • Knapp sieben von zehn (68,2 %) der mit dem audit berufundfamilie zertifizierten Arbeitgeber stimmen der Aussage zu, dass die Corona-Krise dazu geführt hat, dass familien- und lebensphasenbewusste Maßnahmen, die bereits in der Diskussion oder Planung waren, schneller umgesetzt wurden. Bei mehr als der Hälfte (54,3 %) wurden Maßnahmen eingeführt, die vorher nicht geplant waren. Jede dritte Organisation (34,1 %) führte sogar Maßnahmen ein, die zuvor auf Ablehnung gestoßen waren – wie zum Beispiel Home-Office.
  • Sieben von zehn zertifizierten Arbeitgebern werden die Möglichkeiten zur Flexibilisie-rung der Arbeitszeiten der während der Corona-Pandemie ausgeweiteten bzw. einge-führten Maßnahmen weiter ausbauen. 17,4 % meinen, zu ihrem bisherigen familien- und lebensphasenbewussten Maßnahmen-Portfolio zurückzukehren. 15,7 % der Befragten möchten einen Großteil der Lösungen, die sich in der Krise entwickelt haben, für die Zeit nach der Corona-Pandemie übernehmen.
  • Für fast alle (98,5 %) der zertifizierten ArbeitgeberInnen hat sich somit ihre familien- und lebensphasenbewusste Ausrichtung als Mittel des Risikomanagements in der Corona-Krise bewährt.

Zur gleichen Zeit hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Eltern mit betreuungsbedürftigten Kindern zu ihren Erfahrungen mit ihren Arbeitgebern befragt – mit einem erfreulichen Ergebnis. Mehr als die Hälfte der berufstätigen Eltern bezeichnet das Verhalten der ArbeitgeberInnen sowie von Vorgesetzten als entgegenkommend und unterstützend. Lediglich sechs Prozent antworteten: "Er hat wenig beziehungsweise gar kein Verständnis für mein Problem gezeigt und jegliche Unterstützung verweigert."

Oliver Schmitz, Geschäftsführer der berufundfamilie GmbH ordnet diese Ergebnisse ein und empfiehlt, was Arbeitgeber für ihre Glaubwürdigkeit tun können, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen:

„In der Krise zeigt sich, wie tragfähig eine Unternehmenskultur ist und wie sie zur Resilienz einer Organisation beitragen kann. Die Ergebnisse der Umfragen unterstreichen auch, familienbewusste Arbeitgeber sind resilienter, haben schneller und effektiver auf die Krise reagieren können. Die frühzeitige Einführung von Gestaltungsmöglichkeiten zur Flexibilität von Arbeitszeit und -ort und unterstützende Kommunikations- und Kollaborationstools sichern hierbei die organisationale Leistungsfähigkeit. Eine verankerte familienbewusste Haltung hat eine tragfähige Kultur des Gebens und Nehmens geschaffen und sichert somit die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten in der Krise, die häufig auch unter schwierigsten persönlichen Bedingungen dazu beigetragen haben, dass der Geschäftsbetrieb aufrechterhalten werden konnte.

Viele neue Erfahrungen, die es jetzt zu verfestigen gilt, wurden gemacht. Aber auch aus den negativen Erfahrungen, die zwangsläufig gemacht werden mussten, zum Beispiel wegen fehlender Infrastruktur oder auch einem „Zuviel“ an virtuellem Austausch, kann man Rückschlüsse ziehen und sich überlegen, wie man sich zukünftig besser aufstellen kann. Im besten Fall gelingt sogar eine Kehrtwende – also ein gestärktes Hervorgehen aus der Krise. Die Erfahrungen sind nicht nur nützlich bei großen Krisen, wie beim Auftreten von weltweiten Pandemien, sondern auch für vermeintlich „kleinere Krisen“, die vielleicht auch nur auf Teamebene stattfinden, die durch plötzliche personelle Veränderungen entstehen können oder auch durch die immer häufiger auftretenden Disruptionen am Markt.“

Oliver Schmitz betont, dass eine familien- und lebensphasenbewusste Aufstellung eine angemessene Reaktion auf Vorhersehbares aber auch auf Unvorhersehbares unterstützt. Er empfiehlt, Familienbewusstsein als aktives Risikomanagement zu nutzen, um Krisen damit zu überwinden.

Praxistipps: Was Unternehmen jetzt konkret tun können, um ihre Familienorientierung unter Coronabedingungen weiter zu stärken:

 

 

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