Corona

"Man braucht Zwischenlösungen und Kommunikation"

Orientierung (wieder-)finden und den Übergang in das „neue Normal“ gestalten - das ist für viele Unternehmen aktuell eine enorme Herausforderung. Bei der Suche nach Antworten zeigen die konkreten betrieblichen Erfahrungen aus der Corona-Krise, wie die familienbewusste Unternehmenspolitik in Zukunft aussehen kann.

 

Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur für Familien, sondern auch für die Wirtschaft in allen Facetten deutlich sichtbar gemacht. Unternehmen haben darauf auf vielfältige Weise reagieren müssen, um die individuellen Herausforderungen zu bewältigen. Der Trend zu flexibler und mobiler Arbeit ist dabei zwar nicht neu, wurde jedoch durch die Pandemie beschleunigt und stärkt dabei den betrieblichen Kulturwandel hin zu besserer und nachhaltiger Vereinbarkeit. Allerdings nicht nur hier, auch bei den Beschäftigten wurde das Bewusstsein für Vereinbarkeit enorm geschärft, und zwar unabhängig von Alter und Familienstand. Das zeigt auch ein Blick in die betriebliche Praxis bei den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und dem Unternehmen IANEO Solutions GmbH, die bereits zu Beginn der Pandemie über ihre Erfahrungen berichteten und nun ein weiteres Zwischenfazit ziehen.

Vereinbarkeit wird mehr und mehr zum unternehmerischen Vorteil

Bei IANEO Solutions GmbH, einem Unternehmen aus der IT-Branche in Friedrichsthal mit 52 Beschäftigten, haben sich Maßnahmen zur Vereinbarkeit bereits vor der Pandemie als wichtiger Faktor für Fachkräftegewinnung und -bindung erwiesen. „Unsere Betriebszugehörigkeit liegt bei knapp sechs Jahren, bei anderen Unternehmen der Branche bei durchschnittlich zwei Jahren. Das ist ein messbarer Wert, der auch von außen wahrgenommen wird“, berichtet Thomas Degel, Head of Communication & Marketing. Ein weiterer Fakt sei, dass im Unternehmen der Anteil von Frauen mit 30 Prozent deutlich über dem Branchendurchschnitt liege. Erwerbstätige Eltern haben besondere Erwartungen an das Unternehmen bezüglich Vereinbarkeit. Um sie für das eigene Unternehmen zu gewinnen und langfristig zu halten, ist eine familienbewusste Unternehmenskultur essenziell. Das reibungslose Ermöglichen von Elternzeit sei hierfür bei IAENO Solutions ein wesentlicher Aspekt.

Dass das Bewusstsein für Vereinbarkeit in der Pandemie geschärft wurde und die künftige Arbeitswelt beeinflussen wird, empfindet auch Thomas Degel: „Ich nehme auch in meinem Netzwerk aus Kolleginnen und Kollegen anderer Unternehmen wahr, dass die besonderen Belastungen für Eltern stärker in den Blick genommen werden.“ Vereinbarkeitsmaßnahmen können dabei durch die Digitalisierung einfacher umgesetzt werden. Aktuell etabliert IANEO deshalb ein hybrides Arbeitsmodell, das einen Wechsel zwischen Homeoffice und Büro reibungslos möglich macht. Degel ist davon überzeugt, dass familienbewusste Unternehmenskultur nicht nur von den Beschäftigten, sondern auch von Kundinnen und Kunden positiv wahrgenommen wird.

Best Practices nachhaltig verankern – Herausforderungen proaktiv angehen

Während flexibles Arbeiten im administrativen Bereich technisch leichter umzusetzen ist, gibt es im operativen Bereich andere Herausforderungen. Vor denen steht auch die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR), denn sie decken einen Kernaspekt der Daseinsvorsorge der Berliner Bevölkerung ab. Ein Großteil der Belegschaft kann nicht im Homeoffice arbeiten. „Das war eine ziemliche Herausforderung wegen der Schichtpläne und den Tour-Planungen. Die Bedarfe waren auf individueller Ebene sehr unterschiedlich“, berichtet Anke Brinkmann, Gesundheitsmanagerin der BSR. Die Lösung: Über eine Mitarbeiter-App z. B. konnten Kolleginnen und Kollegen auf Unterstützungsangebote, u. a. virtuelle Kinderbetreuung für die größeren Kinder, aufmerksam gemacht werden oder die Kantinen stellten Essen to go und Kochanleitungen zur Verfügung. Schulungen wurden online durchgeführt und neue Formate des Austausches erarbeitet. Mit Blick auf die Frage, welcher Faktor entscheidend für die erfolgreiche Bewältigung dieser Maßnahmen war, ist Anke Brinkmann überzeugt: „Ganz klar, die Kommunikation“. Kommunikation in Form von Mitarbeitendenumfragen, individuelle Absprachen, sowie zielgruppenspezifische Botschaften schaffen Orientierung und helfen bei der Umsetzung pragmatischer Lösungen.

Genau darin sieht Anke Brinkmann auch den Ansatz für die Zukunft: „Die aktuelle Herausforderung ist, dass Lösungen immer komplexer werden. Zu Beginn der Pandemie gab es nur Schwarz und Weiß. Jetzt haben wir viele Zwischenlösungen, mit denen der Übergang in eine neue Form des Zusammenlebens und Arbeitens gelingt. Dabei braucht es Klarheit in der Kommunikation, ohne die die Akzeptanz der Maßnahmen sinken würde. Die Erklärleistung der Führungsebene steigt und individuelle Lösungen für die unterschiedlichen Herausforderungen in den operativen und administrativen Bereichen müssen gefunden werden. Wir können dabei den Rahmen geben, aber eben auf individueller Ebene, damit keine Kluft zwischen den anwesenden und nicht-anwesenden Kollegen und Kolleginnen entsteht.“

Neue Formen der Zusammenarbeit

Nach fast 18 Monaten Pandemie ist die Übergangsphase in den Unternehmen in vollem Gange. Die Gestaltung und das Einüben neuer Formen der Arbeit kostet alle Beteiligten viel Energie, ermöglicht aber auch mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Langfristig können Unternehmen und Beschäftigte also nur gewinnen.

Mehr über die Erfahrungen von Unternehmen und Eltern mit dem Thema Vereinbarkeit in der Corona-Krise erfahren Sie hier.

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