Corona

Retraditionalisierung und Corona: Was ist dran an den Warnungen?

Kochen, putzen, Kinderbetreuung – anscheinend bleibt jetzt doch wieder alles an den Müttern hängen. Immer lauter werden Warnungen, dass infolge der Corona-Krise vor allem Frauen wieder in eigentlich überkommene Rollen zurückgedrängt werden. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, da gerade jetzt in der Corona-Krise auch Männern deutlich mehr an klassischen Vereinbarkeitsmaßnahmen wie Homeoffice oder flexiblen Arbeitszeiten ermöglicht wird. In einem Interview nimmt Dr. Dagmar Weßler-Poßberg, Expertin für Genderfragen und Vereinbarkeit bei der Prognos, dazu Stellung.

„Der Rückgriff auf Regeln und Traditionen ist ein Teil der Krisenbewältigung. In unsicheren Zeiten vermittelt es uns Sicherheit, bekannte und vertraute Verhaltensweisen und Rollen wieder einzunehmen“, sagt die Expertin für Genderfragen und Vereinbarkeit, Dagmar Weßler-Poßberg. (Quelle: Prognos AG/FOTOS Koroll)

Die „Corona-Studie“ der Uni Mannheim kommt zu dem Ergebnis, dass in etwa der Hälfte der befragten Haushalte die Kinderbetreuung allein von der Frau übernommen wird und nur in 24 Prozent sich beide Elternteile diese Aufgabe teilen. Gibt es nicht eigentlich ein moderneres Verständnis zur Arbeitsteilung in Familien?

Weßler-Poßberg: Zunächst ist es richtig, dass Mütter und Väter sich Erwerbsarbeit und Familienarbeit zunehmend teilen wollen. Dies wird seit Jahren auch familienpolitisch unterstützt, zum Beispiel mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung. In der Corona-Krise aber wurde die Kinderbetreuung plötzlich teilweise wieder zur Privatsache. Viele Modelle der Arbeitsteilung von berufstätigen Eltern waren um die externe Betreuung in Kitas, bei Tagesmüttern oder in der Ganztagsschule und die Hilfe durch Großeltern herum organisiert. Es war abgesprochen, wer die Kinder zur Kita oder Schule bringt und abholt oder wer sie zum Sportverein begleitet. Nun müssen aber auf einmal viele zusätzliche Familienaktivitäten mit der Erwerbstätigkeit synchronisiert werden: Mittagessen kochen, Kinder beschäftigen und beaufsichtigen, bis hin zur privaten Beschulung der Kinder. Wie uns verschiedene Studien zeigen, sind es eher „wieder“ die Frauen, die diese Verantwortung übernommen haben. Die Online-Studie „Corona-Alltag“ des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigt, dass die Frauen das so nicht wollen. Seit der Schließung von Kitas und Schulen hat die Arbeits- und Lebenszufriedenheit der Frauen deutlich mehr abgenommen als bei den Männern.  

Nun ist die Corona-Krise ja eine hoffentlich zeitlich begrenzte Situation, in der die Familien nach temporären Lösungen für eine Sondersituation suchen. Warum wird in diesem Zusammenhang von einer Retraditionalisierung gesprochen?

Weßler-Poßberg: Der Rückgriff auf Regeln und Traditionen ist ein Teil der Krisenbewältigung. In unsicheren Zeiten vermittelt es uns Sicherheit, bekannte und vertraute Verhaltensweisen und Rollen wieder einzunehmen. Zunächst ist es also normal, dass Aufgaben so verteilt werden, wie sie nach historischer Erfahrung am besten bewältigt werden können. Das Problematische ist dabei nur, dass alle die Aufgaben, die in Haushalt und Kindererziehung zu erfüllen sind, seit der Industrialisierung allein den Frauen zugeordnet waren. Und dass eben diese alleinige Verantwortung die Erwerbstätigkeit und erst recht beruflichen Karrieren von Frauen verhindert hat. Erst in den vergangenen rund 15 Jahren sehen wir, dass die Frauenerwerbstätigkeit kontinuierlich gestiegen ist. Heute sind 73 Prozent der Frauen erwerbstätig und das ist gut für die Gesellschaft – die Familien sind ökonomisch stabiler, die Frauen unabhängiger und die Wirtschaft profitiert von gut ausgebildeten weiblichen Fachkräften. Und da ist noch mehr Potenzial. Denn nahezu noch jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit mit einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von unter 20 Stunden.

Mit Retraditionalisierung ist also gemeint, dass die Frauen wieder dauerhaft zurück an den Herd gedrängt werden – droht hier eine „Rolle rückwärts in die 50er-Jahre“?

Weßler-Poßberg: Nein, so einfach ist es nicht. Denn die Rollenbilder haben sich in den letzten Jahrzehnten ja nachhaltig verändert. Viele Paare entwickeln heute gemeinsam eher egalitäre Vorstellung davon, wie sie die Arbeitsteilung in der Familie gestalten wollen. Frauen werden sich nicht mehr die Möglichkeiten der Erwerbsarbeit und Männer nicht mehr die Möglichkeiten aktiver Vaterschaft nehmen lassen.

Aber durch Corona kann das wieder schwerer werden?

Weßler-Poßberg: Ja, denn auch ohne Krise wissen wir, dass die Realität, wenn die Kinder erst mal da sind, die Planungen und Ideale schnell einholt. Denn die Eltern passen sich den realen Möglichkeiten an, die ihnen das Einkommen, die betrieblichen Rahmenbedingungen, der Arbeitsmarkt etc. bieten. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hat sich in diesem Zusammenhang der Begriff der „Traditionalisierungsfalle“ gebildet. Gemeint war damit das Risiko, dass durch Entscheidungen unter bestimmten Rahmenbedingungen die Frau doch ungewollt wieder auf die Rolle als Zuverdienerin zurückgeworfen wird. In der Forschung zur Arbeitsteilung in Familien fanden zwei wesentliche „Fallen“ Beachtung, die politisch, gesellschaftlich und auf der Paarebene überwunden werden mussten und müssen: Die eingeschränkte Rückkehr der Mütter nach der Elternzeit in den Beruf (oft in kleiner Teilzeit) und die dadurch eingeschränkten beruflichen Entwicklungs- und Karriere- und auch Einkommensmöglichkeiten.

Aber genau hierzu gab es ja eine Vielzahl gesellschaftlicher, politischer und privater Anstrengung, die Sie selbst oben genannt haben.

Weßler-Poßberg: Das stimmt – und daher werden die jetzt bekannten Zahlen aus Studien und Umfragen auch mit so viel Aufmerksamkeit bedacht. Denn sie zeigen, dass mehrheitlich die Frauen aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung weniger arbeiten und wie anfällig die bisherigen Entwicklungen hin zur partnerschaftlichen Arbeitsteilung von Müttern und Vätern sind. Ich würde aber nicht so weit gehen, dies als Indiz für eine nicht wiederaufholbare Retraditionalisierung zu bezeichnen. Vielmehr – und das ist die dritte und größte Traditionalisierungsfalle, die es nicht erst seit der Corona-Krise gibt - verbergen sich vielfach unbewusste, aber wirksame geschlechtsspezifische Deutungen, die sich immer wieder in das alltägliche Handeln in den Familien aber auch in die betrieblichen Maßnahmen schleichen. Merken können wir das beispielsweise an Vorstellungen, dass bestimmte Aufgaben scheinbar von Männern oder Frauen besser erfüllt werden könnten, oder dass es leichter fällt, die Nutzung von Vereinbarkeitsmaßnahmen durch Mütter zu akzeptieren, als wenn sie von Vätern nachgefragt werden.

Es gibt neben den Stimmen, dass die Corona-Krise die Situation für berufstätige Frauen verschlechtert, auch die Meinung, dass darin eine Chance für die Zukunft liege. Als Beispiel wird genannt, dass auch Männer jetzt Homeoffice Erfahrungen machen und dass dadurch eine größere Akzeptanz entstehe.

Weßler-Poßberg: Ja, es gibt Chancen in der Krise. Denn in der Tat erleben jetzt mehr Väter die Anforderungen einer gelingenden Vereinbarkeit und auch den Wert der Zeit mit ihren Kindern. Und die Krise zwingt Unternehmen sich mit mobilen Arbeitsformen auseinanderzusetzen. Aber Homeoffice ist für Männer gar nicht neu, sie haben dies vor der Krise sogar häufiger nutzen können als Frauen, wobei jedoch nicht die Vereinbarkeit im Fokus stand. Und auch in der Krise ist Homeoffice für viele Unternehmen eher eine Abstandsregel als primär ein Angebot für die bessere Vereinbarkeit. Zudem findet das Homeoffice aktuell unter Rahmenbedingungen statt, die Vereinbarkeit nicht erleichtern, sondern zum Teil erschweren. Der wesentliche Unterschied zwischen Müttern und Vätern ist, dass Homeoffice für Mütter aktuell mehr „home und wenig office bedeutet“, wie Julia Jäckel es in Zeit online formuliert. Und das erhöht nicht gerade die Karrierechancen.

Was können Unternehmen aktuell tun?

Weßler-Poßberg: Es geht darum, die dritte Traditionalisierungsfalle – die geschlechtsspezifischen Deutungen bewusst zu machen und zu überwinden. Durch ein Bewusstsein dafür können Unternehmen die partnerschaftlichen Bemühungen ihrer Beschäftigten stark unterstützen. Es sind kleine Überlegungen mit großer Tragweite: Wen fragen Personalverantwortliche nach den aktuellen Betreuungsmöglichkeiten – nur die Mutter oder auch den Vater? Wird auch in männerdominierten Betrieben aktuell überhaupt über Kinderbetreuung gesprochen und über Vereinbarkeitslösungen nachgedacht? Wird mit den Müttern nur darüber gesprochen, wie sie gerade neben der Kinderbetreuung auch noch ein bisschen Arbeit hinbekommen, oder werden auch Fragen nach der geplanten Fortbildung, Beförderung usw. besprochen? Werden bei einer Reduzierung der Arbeitszeit Absprachen über die spätere Wiederaufstockung und die Folgen für die Karriere getroffen?

Was steht denn auf dem Spiel, wenn wir diese partnerschaftliche Haltung nicht gerade jetzt in der Krise weiter stärken?

Weßler-Poßberg: Die Frage, wie sich Eltern jetzt die familiären Verpflichtungen aufteilen und wie sie ihre beruflichen Aufgaben und Werdegänge weiterverfolgen können, ist natürlich eine Frage der Chancengerechtigkeit. Es geht aber auch um unsere Wirtschaft. Eine gelingende Vereinbarkeit ist ein Instrument zur Sicherung aktueller und zukünftiger Arbeits- und Fachkräfte Dabei sollten wir das Potenzial von Männern und Frauen nutzen – denn die Krise hebelt die Demografie nicht aus. Es geht somit um nicht weniger als die Fortschritte der vergangenen 15 Jahre, in denen sich Politik und Wirtschaft bemüht haben, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Elterngeld, den Ausbau des Betreuungsangebotes und eine familienbewusste Personalpolitik zu stärken. Sollte es hier zu Rückschritten kommen, hätte das langfristig negative Folgen für viele Frauen, für Eltern und für Unternehmen.

 

Quellen

Corona-Studie: https://www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/Corona_Studie/2020-04-05_Schwerpunktbericht_Erwerbstaetigkeit_und_Kinderbetreuung.pdf

Corona-Alltag: https://www.wzb.eu/de/forschung/dynamiken-sozialer-ungleichheiten/arbeit-und-fuersorge/corona-alltag

Anteil von Frauen in Teilzeit: https://www.delta-sozialforschung.de/cms/upload/news/frauen-in-teilzeit.pdf

Zitat Mona Küpper: https://www.welt.de/politik/deutschland/article207758603/Frauen-und-Corona-Die-Angst-vor-der-Rolle-rueckwaerts-in-die-50er.html

Begriff „Traditionalisierungsfallen“: Anneli Rüling 2007 Jenseits der Traditionalisierungsfallen

Zitat „Dax-Konzern, Doppelspitze“ und Artikel von Julia Jäkel: https://www.zeit.de/2020/19/frauen-beruf-fuehrungspositionen-rollenbilder-coronavirus-krise, https://www.zeit.de/2020/19/frauen-beruf-fuehrungspositionen-rollenbilder-coronavirus-krise/seite-2
 

Teile: