Corona

Vereinbarkeit im zweiten Lockdown meistern

Im März 2020 war im ersten Lockdown Improvisationstalent gefragt – sowohl Familien als auch Arbeitgeber standen vor einer nie dagewesenen Herausforderung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach 10 Monaten Leben und Arbeiten im Zeichen von Corona lohnt jetzt im zweiten harten Lockdown ein Blick auf die Erfahrungen der ersten Welle, um Beruf und Familie (besser) zu vereinbaren.

Frau sitzt bei einer Videokonferenz vorm Laptop

Homeoffice und Videokonferenzen gehören seit 10 Monaten für viele zum Berufsalltag. Quelle: iStock

Seit Mitte März unterstützt das Unternehmensprogramm Erfolgsfaktor Familie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie ihren Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter Coronabedingungen. Die Toolbox „Corona“ enthält eine Sammlung von Empfehlungen, Tipps und guten Beispielen, die in der Praxis entstanden sind. Mit dieser Erfahrung im Rücken können Unternehmen und Beschäftigte in der aktuellen Lage versuchen, gemeinsam gute Lösungen zu finden, die „den Laden am Laufen halten“ – sowohl im Betrieb als auch zuhause.

Fünf Impulse für eine bessere Vereinbarkeit im zweiten Lockdown:

1. Den erneuten Lockdown jetzt für Neues nutzen, denn es lohnt sich nachhaltig

Der erste Lockdown hat gezeigt: Die Umstellung auf flexiblere Arbeitszeiten und Richtung Homeoffice waren nicht vergebens beziehungsweise „nur für die paar Wochen“ hilfreich. Denn Überbrückungsstrategien wie Überstundenabbau und Urlaub helfen nur in ganz begrenztem Ausmaß und haben negative Langfristfolgen, denn Urlaub soll vor allem auch in diesen Zeiten der Erholung dienen. Je flexibler die Arbeitszeiten, desto besser können Unternehmen und Beschäftigte auch jetzt im zweiten Lockdown reagieren und eingespielte Modelle und Prozesse (wieder) in Gang setzen. Und sind damit nachhaltig besser aufgestellt, um nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch die Krisenfestigkeit eines Unternehmens insgesamt zu verbessern, wenn wieder Unvorhergesehenes geschehen sollte.

2. Homeoffice hilft allen – nicht nur Eltern und Pflegenden

Vermehrtes Arbeiten von zuhause war zunächst eine Kurzfriststrategie für Eltern und Pflegende – was aber gerade dort oft mehr „Home“ als „Office“ war beziehungsweise sein musste. Aber selbst in diesen Konstellationen hat sich gezeigt, dass eine Maßnahme, die lange Zeit als Vorzeigemodell besonders moderner und flexibler Betriebe galt, ein Er-folgsmodell für beinahe alle Branchen wurde, in denen Homeoffice prinzipiell ermöglicht werden konnte.

Die Devise für die zweite Welle ist daher: es geht noch mehr – also für viel mehr Beschäftigte und Aufgabenstellungen als bisher. Denn in vielen Unternehmen ist die technische Ausstattung inzwischen vorhanden, digitale Arbeitsprozesse und Kollaborationstools funktionieren und alle sind in der digitalen Kommunikation geübt. Was jetzt auch anders ist: Kundinnen und Kunden oder Partnerinnen und Partner haben nicht mehr die alten Präsenzerwartungen und „schwingen“ nicht nur mit, sondern bevorzugen ebenfalls kontaktlose Interaktion. Dies hilft nicht nur bei der Vereinbarkeit. Denn weniger Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln und in den Betriebsstätten senken das Infektionsrisiko auch für die, deren Präsenz am Arbeitsplatz unumgänglich ist.

3. Breiter denken in partnerschaftlichen Lösungen – in der Familie und über Betriebsgrenzen hinaus

Die Notlösungen in vielen Familien führten im Frühjahr dazu, dass viele Mütter die Hauptlast bei Kinderbetreuung und Haushalt trugen, auch wenn es im „normalen“ Alltag noch vor ein paar Wochen anders gelebt wurde. Mit den Müttern im Betrieb sollte das Gespräch gesucht werden, wie sich die aktuelle berufliche Situation des anderen Elternteils darstellt. Väter wollen sich beteiligen und bei deren Arbeitgebern herrscht inzwischen eine andere Offenheit beziehungsweise gibt es auch konkrete Beispiele, wie Vätern eine flexible Arbeitsorganisation ermöglicht wird. Auch mit Alleinerziehenden sollte das Gespräch gesucht werden, welche Lösungen es durch ein vorhandenes Netzwerk mit Eltern, Freunden oder Verwandten geben kann, soweit dies die Kontakteinschränkungen vor Ort zulassen. Hier sollte auch über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinweg nach partnerschaftlichen Lösungen sowohl für beide Elternteile als auch für beide Arbeitgeberbetriebe gesucht werden – um Lasten „gerechter“ zu verteilen.

4. Wiederaufnahme einer verstärkten Kommunikation

Nach 10 Monaten im Krisenmodus liegen bei vielen berufstätigen Eltern und Pflegenden die Nerven blank. Auch bei allen anderen sinkt das Durchhaltevermögen oder gar das Vertrauen in die Zukunft der eigenen Arbeit – gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Und wenn viele im Homeoffice sind, fehlt das soziale Miteinander. Falls es in der ersten Welle nicht möglich war, solche Kanäle einzurichten oder diese bereits wiedereingestellt worden sind: jetzt ist die Zeit, einen offenen Austausch zu fördern, Fragen zuzulassen sowie Unsicherheiten zu besprechen.

Wichtig ist dabei auch, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch die eigene Ausstrahlung Zuversicht zu vermitteln: über digitale Kommunikationswege wie Videobotschaften der Geschäftsleitung oder Chats und Telefonsprechstunden, in denen Fragen der Beschäftigten beantwortet werden und einen schnellen Kommunikationskanal (z. B. Social Intranet, Messenger, o. ä.).  Damit alle Beschäftigten erreicht werden und um Gerüchte und Mutmaßungen vorzubeugen. Wichtig ist und bleibt es, den direkten Austausch von Informationen zwischen allen Ebenen zu ermöglichen, zum Beispiel über Chatkanäle, und damit die direkten Kommunikationswege (z. B. Kantine und Kaffeeküche) zumindest zum Teil zu ersetzen.

5. Bedarfsgerechte Angebote und Leistungen

Wenn im zweiten Lockdown „die Luft dünn“ wird, besteht das Risiko, dass Unternehmen neu oder verlängert Beschäftigte mit Kindern in Kurzarbeit schicken oder freistellen. Unternehmen sollten die finanziellen Möglichkeiten kennen und in ihrer Belegschaft bekanntmachen:

Kontakteinschränkungen, geschlossene Geschäfte, fehlende Freunde und Spielkameraden – nicht nur die Gestaltung der beruflichen Aufgaben ist zurzeit schwieriger, sondern auch die von Freizeit und Erholung. Ganz persönliche praktische Hilfen und Tipps aus unterschiedlichsten Lebensbereichen sind ein Signal der Wertschätzung für die Beschäftigten. Sie zeigen: Mein Arbeitgeber nimmt mich und meine Situation wahr. Und seit dem ersten Lockdown ist ein großes Angebot digitaler Formate entstanden, das inzwischen ohne große technische Hürden auch von den Familien am heimischen PC genutzt werden kann. Unternehmen können dies unterstützen:

  • Webinare mit externen Expertinnen oder Experten zu spezifischen Fragestellungen werden seit dem ersten Lockdown in einer breiten Vielfalt angeboten. Besonders bei Themen wie Homeschooling, Führen auf Distanz oder ressourcengerechte Organisation von Homeoffice ist die Verstärkung durch fachliche Expertise sinnvoll.
  • Interne Plattformen und Netzwerke: Voneinander zu lernen und sich miteinander den Herausforderungen der Corona-Krise zu stellen, stärkt das soziale Miteinander. Beispielsweise melden sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter dem Motto „Ask me Anything“ aus eigenem Interesse als Patin oder Pate für ein Thema und leiten eine Gruppe zum virtuellen Austausch. So sind in Unternehmen bereits unter anderem Gruppen zum Homeschooling und mobilem Arbeiten mit Kindern entstanden.
  • Gesunderhaltungsangebote mit Entspannungs-Tipps und Anregungen für ein „gesundes Abschalten“ nach der Arbeit werden angeboten. Manche Firmen bieten zum Beispiel virtuelle Sportangebote an, mit denen Beschäftigte und ihre Kinder ihre Fitness auch zuhause, unter Anleitung von professionellen Trainern, erhalten können.

Die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown, Impulse sowie die hier aufgeführten praktischen Tipps und Erfahrungen von anderen Unternehmen, können dabei helfen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf im zweiten Lockdown zu erleichtern. Das bis hierhin durch die Krise Gelernte kann kurzfristig helfen und langfristig dazu beitragen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Unternehmenskultur insgesamt zu verbessern.

Der Artikel ist am 04.02.2021 auf Total Rewards, dem Onlineportal für Vergütung und Mitarbeiterbindung des F.A.Z-Fachverlags F.A.Z. BUSINESS MEDIA erschienen.

 

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