Interview mit Helmut Lind

Im Auge des Taifuns

Helmut Lind möchte durch achtsame Unternehmensführung keine Rahmenbedingungen verbessern, er will das Unternehmen an sich verändern. Für den Vorstandsvorsitzenden der Sparda-Bank München heißt das: Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Rendite. Vor acht Jahren hat er begonnen, die Bank radikal umzubauen. Heute stimmen nicht nur die Zahlen, sondern das Finanzinstitut wurde auch mehrfach auf Bundes- und Landesebene als bester Arbeitgeber ausgezeichnet. 

Herr Lind, worin drückt sich für Sie eine achtsame Unternehmenskultur aus?
Wir stellen den Menschen mit seinen Potenzialen in den Mittelpunkt und reduzieren Mitarbeiter nicht auf ihre Nützlichkeit für das Unternehmen. Dazu unterstützen wir die Mitarbeiter, u. a. mit Seminarangeboten ihre einzigartigen Potenziale zu erkennen und wertzuschätzen. Im zweiten Schritt werden in den Teams dann sogenannte Energiebilanzen aufgestellt. Oft erleben wir, dass Aufgaben, die jemandem wirklich im Magen liegen und ihn belasten, anderen Freude machen. Dann werden sie im Team neu verteilt. Jeder soll ganz bewusst das tun, was er gut kann und was ihm Energie gibt, anstatt sie ihm zu nehmen. Darin ist er dann auch erfolgreich. Und wenn sich jemand in einer Lebenskrise befindet, dann kann man als Arbeitgeber doch nicht davon ausgehen, dass er seine Sorgen „am Personaleingang abgibt“. Deswegen unterstützen wir – auch finanziell – zum Beispiel Coachings. Die Haltung, sich den ganzen Menschen mit seinen Möglichkeiten entfalten zu lassen, prägt eine achtsame Unternehmenskultur. Dann ist Personalentwicklung gleich Unternehmensentwicklung. Denn die Menschen geben viel zurück.

Lässt sich mithilfe einer achtsamen Unternehmensführung auch eine familienfreundliche Kultur schaffen?
Viele Unternehmen bieten bereits eine große Bandbreite an Angeboten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist gut so und erleichtert das Leben. Aber das ist aus meiner Sicht nur die Pflicht, nicht die Kür. Mir geht es nicht um Maßnahmen und um Quantitäten. Es geht um die Frage, wie Menschen überhaupt zusammenarbeiten. Nur funktionieren zu müssen, das Menschsein im Beruf und im Privaten zu trennen, halte ich für geradezu absurd. Verletzlichkeit ist heute meine größte Stärke. Sie ist die Quelle von Mut, Glück und Authentizität. Wer dies lebt, für den ist Vereinbarkeit von Familie und Beruf überhaupt gar keine Frage mehr. Natürlich müssen Menschen sich um ihre Familie kümmern. Wir bieten alle Möglichkeiten dazu. Aber wir bieten mehr als nur angenehme Rahmenbedingungen. Uns geht es darum, dass Menschen ihre Erfüllung auch im Beruf finden und auch dort glücklich sein können. Dies spiegelt sich dann auch im Privatleben.

Wie lässt sich diese Kultur konkret in einer Bank leben?
Nun, mit dem Bewusstsein, dass wir die Menschen auch mit ihren Schattenseiten so sein lassen, wie sie sind, und sie an den Themen arbeiten, die ihnen wirklich liegen, kann ich sagen: Das geht sehr gut. Die Partnerin eines Mitarbeiters schrieb mir einmal eine Mail und sagte, endlich habe sie den Mann zurück, den sie vor 20 Jahren geheiratet habe. Das hat mich sehr berührt und in meinem Kurs bestärkt. Ganz praktisch erarbeiten wir uns die Fähigkeit, achtsam miteinander umzugehen, immer wieder neu: durch Seminare und Meditationen. So gelingt es uns, Zugang zu unserer inneren Welt zu bekommen und daraus eine Kultur zu schaffen, die sich durch äußere Hektik und das berühmte Hamsterrad weniger bestimmen lässt. Dann sind Sie – im Bild gesprochen – nicht der Taifun selbst, der um Sie herum ständig braust, sondern Sie sind im Auge des Taifuns. Und dort ist es still.


Interview mit Liane Stephan

Zeit für den Zwischenraum

Liane Stephan ist Geschäftsführerin der Kalapa Academy, Bergisch Gladbach. Nach jahrelangen Erfahrungen im Achtsamkeitstraining ist sie überzeugt: Achtsamkeit führt zu einer höheren Präsenz im Alltag, sie lässt Menschen aus allzu frühen Bewertungen aussteigen und eröffnet Chancen, dort Ressourcen zu sehen, wo früher anscheinend keine waren. Davon profitieren auch Eltern.

Frau Stephan, prägt Achtsamkeit heute schon Unternehmenskulturen und wenn ja, welche Vorteile haben Unternehmen davon?
Ich denke, dass das Thema „Achtsamkeit“ noch nicht so weit ist, dass es ein umfassendes Kulturprinzip darstellt. Ich erlebe aber bei Menschen, die achtsam miteinander umgehen, eine sehr bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit. So gelingt es, Geist, Emotion und Körper zusammenzuhalten und im sprichwörtlichen Sinne nicht nur körperlich anwesend zu sein. Achtsamkeit schult die Menschen darin, nicht alles sofort zu bewerten. Die Folge dieser Haltung in Unternehmen ist: Führungskräfte geben vorgefertigte Meinungen über Teammitglieder auf, von denen sie das Bild hatten, dass sie bestimmte Dinge nicht könnten. Eine realistische Einplanung dieser Kolleginnen und Kollegen schafft dann Ressourcen, die vorher brachlagen. Davon profitiert ein ganzes Team und damit auch Beschäftigte mit Familienverantwortung. Die Menschen sind konzentrierter, bewusster bei allem dabei und heben so auch auf organisationaler Ebene das Bewusstsein. Das heißt: Teams kommunizieren klarer und sind präsenter, beobachten den Markt schärfer und steigern so auch den Erfolg ihres Unternehmens.

Wie sollte ein Unternehmen vorgehen, das eine achtsame Unternehmenskultur etablieren möchte?
Die Führungskräfte müssen dahinterstehen und mit Achtsamkeitstrainings beginnen, dies am besten auf der individuellen Ebene. Wenn der Einzelne eine Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit erlernt, wirkt sich dies positiv auf andere aus. Es entsteht Freude an der Kommunikation in Teams und daran, Wissen zu teilen. So wird der Austausch sinnhafter. In diesem Klima wird auch die Sprache fokussierter. Ein anderer Aspekt der Achtsamkeit ist es, Mitgefühl zu entwickeln. In Unternehmen kann dies heißen, dass Menschen untereinander auf das Wohl und den Erfolg anderer schauen. Und mit Wohlwollen gilt es auch, auf die Bedürfnisse (werdender) Eltern zu reagieren.

Das klingt attraktiv. Wie realistisch ist es denn, dass diese Effekte tatsächlich eintreten?
Dazu haben wir gemeinsam mit der Universität München und der Hochschule Coburg das Forschungsprojekt „Working Mind“ durchgeführt. In diesem Programm durchlaufen die Teilnehmer zehn Einheiten über etwa zwölf Wochen und lernen unterschiedliche achtsamkeitsbasierte Methoden kennen. Bisher haben 1200 Menschen an diesem Programm teilgenommen. Durch computergestützte Tests werden verschiedene Aspekte der Aufmerksamkeitssteuerung gemessen. Erste Ergebnisse zeigen deutlich, dass durch Achtsamkeitstrainings auf physischer, emotionaler und auf kognitiver Ebene Verbesserungen bei den Probanden eingetreten sind. Menschen spüren ihre aufsteigenden Emotionen früher. So gelingt es ihnen, aus dem Reiz-Reaktions-Automatismus auszusteigen. Sie gewinnen Zeit für den Zwischenraum und regulieren ihre Emotionen. Das führt zu mehr Gelassenheit, besserer Atmosphäre, höherer Kreativität und am Ende des Tages auch zu einer höheren Produktivität. Von einem solchen Klima kann auch die Vereinbarkeit in einem Unternehmen profitieren, denn sie schafft Offenheit für die Situation anderer.

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