Interview mit Oliver Schmitz

Alte und neue Modelle dürfen nebeneinander existieren

Oliver Schmitz ist Geschäftsführer der berufundfamilie Service GmbH. Sein Credo bei einer Geschäftsübernahme lautet: alte Zöpfe nicht abschneiden, neue Zöpfe wachsen lassen und allen Beschäftigten möglichst viele Wahlmöglichkeiten bieten. Dies ermögliche allen Generationen in einer Belegschaft parallel das für sie jeweils gewünschte Vereinbarkeitsmodell.

Herr Schmitz, ein Generationenwechsel wird häufig von der Sorge begleitet, dass Bewährtes wegfällt. Wie kann eine neue Führungskraft sensibel damit umgehen?
Generationenwechsel und Wandel heißt meistens nicht, „alte Zöpfe abzuschneiden“, sondern dass „neue Zöpfe hinzukommen“. Für eine neue Geschäftsführung ist es wichtig, Wertschätzung für die gelebten Modelle auszudrücken und gleichzeitig neue Modelle zuzulassen. Beispiel Lebensmodelle: Früher blieb die Frau bei den Kindern, der Mann hat das Geld verdient. Das Modell darf es auch weiterhin geben – nur dass es mit einem Generationenwechsel und Wertewandel auch Männer geben wird, die zu Hause bleiben, und Frauen, die voll arbeiten, oder Paare, die sich partnerschaftlich um die Kinder kümmern. Führungskräfte dürfen auch in Zukunft zu 100 % arbeiten, aber es wird auch leitende Kräfte geben, die in einer bestimmten Lebensphase weniger arbeiten wollen. Im Erfahrungswissen findet sich häufig vieles, was weitergeführt werden muss. Dazu hat man aber nur Zugang, wenn ein positives soziales Miteinander besteht.

Sie beschreiben den Vereinbarkeits-Trialog als das zentrale Element einer vereinbarkeitsbewussten Unternehmenskultur. Was meinen Sie damit?
Im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben geht es in Unternehmen häufig darum, eine Balance zu schaffen zwischen den individuellen Bedürfnissen, den betrieblichen Anforderungen und der Zusammenarbeit im Team. Das bezeichnen wir als „Vereinbarkeits-Trialog“. Die Gestaltung dieser Aushandlungsprozesse ist ein zentrales Element. Für den allseits zufriedenstellenden Prozess sind Führungskräfte, der oder die Betroffene UND das Team gleichermaßen verantwortlich. Schließlich geht es darum, alle einzubinden und auf Lösungen zu kommen, die von allen mitgetragen werden und die Kultur positiv prägen. Das kann herausfordernd sein.

Welche Rolle spielt eine vereinbarkeitsbewusste Unternehmenskultur für die Fachkräftesicherung?
Sie spielt eine absolut zentrale Rolle. Wodurch will man attraktiver sein und somit im Wettbewerb um die besten Fachkräfte erfolgreicher? Mit Gehalt können Unternehmen sich kaum mehr absetzen, da sie meistens nur branchenübliche Gehälter bezahlen können. Der Standort ist häufig noch ein wichtiger Attraktivitätsfaktor – aber in der Regel nicht so einfach zu ändern. Und an den „attraktiven“ Standorten tummeln sich meistens schon viele. Bei der Vereinbarkeit gibt es jedoch zahlreiche Stellschrauben, die Unternehmen bedienen können. Voraussetzung ist natürlich, dass es nicht nur plakative, sondern kulturbildende Maßnahmen sind! Daher achten wir im audit berufundfamilie im Zeitverlauf immer weniger auf einzelne Maßnahmen, sondern immer mehr auf kulturbildende Faktoren, wie z. B. die Vorbildfunktion von Führungskräften mit einer praktizierten Vereinbarkeit von oben nach unten.

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