„Die Unternehmenskultur ist der Hebel, um Vereinbarkeit zu ermöglichen.“

Im Interview erklärt die neue Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, welche Themen sie in der Regierungsarbeit in den Vordergrund stellen will. Außerdem erläutert sie, warum es sich für Personalverantwortliche lohnt, beim Thema vereinbarkeitsbewusster Unternehmenskultur genauer hinzuschauen.

Bild zeigt: Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey
Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Quelle: Bundesregierung / Jesco Denzel

Frau Dr. Giffey, bevor Sie im Jahr 2015 Bürgermeisterin des Berliner Stadtteils Neukölln wurden, waren Sie bereits mehrere Jahre Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport. Gibt es Themen oder Anliegen, die Sie aus diesen spannenden Funk¬tionen mit ins Bundesfamilienministerium bringen?


Was ich in dieser Zeit erlebt habe, ist, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in der Schule starten. Da gibt es einige, die können schon das halbe Alphabet und andere, die können noch keine Schere halten, waren noch nie im Schwimmbad oder sprechen nicht gut Deutsch. Ich will, dass es jedes Kind packt – und zwar unabhängig von Her- kunft oder sozialem Status. Eines meiner Hauptanliegen ist es, allen Kindern schon früh eine gute Förderung zu ermöglichen. Dafür müssen wir die Qualität in unseren Kitas weiter verbessern und dem Beruf der Erzieherinnen und Erzieher mehr Aufmerksamkeit widmen. Durch eine gute Ausbildung, Möglichkeiten zur Fortbildung und bessere Bezahlung sollen Erzieherinnen und Erzieher gestärkt werden. Diese Maßnahmen helfen gleichzeitig dabei, Eltern bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser zu unterstützen. Jeder Arbeitgeber wird Ihnen bestätigen, dass die Beschäftigten, die ihren Nachwuchs gut versorgt wissen, sich auch mit vollem Elan im Job einbringen können.

Kommen wir zum Thema Vereinbarkeit. Sind Sie mit dem Koalitionsvertrag zufrieden?

Der Koalitionsvertrag sieht für die Familien viel Gutes vor. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht dabei weiter im Zentrum. Für den Ausbau der Kindertagesbetreuung und eine bessere Betreuungsqualität haben wir ab 2019 zusätzlich 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Schon 2018 können wir im Programm für den Kita-Ausbau 400 Millionen Euro investieren. Zudem ist es ein ganz wichtiges Signal, dass wir auch die Betreuungslücke nach der Kindertagesbetreuung angehen und gemeinsam mit den Ländern den Anspruch auf gute Ganztagsbetreuung in der Grundschule vorbereiten werden.

Was planen Sie konkret für Mütter und Väter in der Arbeitswelt zu tun?

Ich werde mich weiter dafür einsetzen, für Mütter und Väter die Arbeitswelt familienfreundlicher zu machen. Mit dem Bundesarbeitsministerium arbeite ich dabei gut zusammen. Das Rückkehrrecht aus befristeter Teilzeit wird mit der „Brückenteilzeit“ eines der ersten Vorhaben sein, das die neue Regierung umsetzt.
Auch die Fortsetzung des erfolgreichen Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ ist im Koalitionsvertrag verankert. Das zeigt: Das Programm hat sich etabliert und ist eine erfolgreiche Marke geworden. Dieser Erfolg hängt ganz eng mit den Partnern aus Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften zusammen und ist ein Kompliment für die Arbeit des dazugehörenden Netzwerkbüros mit seinen rund 6.800 Mitgliedern.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ ist das Thema familienfreundliche Unternehmenskultur. Viele Unternehmen behaupten, dass das Thema Familienfreundlichkeit bereits ein fester Bestandteil ihrer Kultur ist und auch gelebt wird. Warum sehen Sie hier dennoch Handlungsbedarf?

Wir wissen aus Umfragen, dass Beschäftigte und Unternehmen die Familienfreundlichkeit im Betrieb oft sehr unterschiedlich wahrnehmen. Während fast die Hälfte der Unternehmen in Deutschland sich als besonders familienfreundlich bezeichnet, teilt nur ein Viertel der Beschäftigten diese Einschätzung.

Ein Grund dafür ist die Unternehmenskultur: Wenn ein Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen anbietet, heißt das noch lange nicht, dass es auch akzeptiert wird, wenn Beschäftigte genau diese Maßnahmen in Anspruch nehmen.

Wir sehen die Unternehmenskultur als zentralen Hebel, um den Beschäftigten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Familienfreundlichkeit muss im betrieblichen Alltag, in der Kommunikation, im Umgang zwischen Beschäftigten und Führungskräften verankert sein und selbstverständlich auch gelebt werden. Nur so wird sie für alle Beteiligten sichtbar und wirksam. Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Fokus auf das Thema „Familienfreundliche Unternehmenskultur“ viele interessierte Betriebe und Personalverantwortliche bei einer nachhaltigen Umsetzung im Arbeitsalltag unterstützen können.

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