„Das Wichtigste gehört immer nach vorn“

Frau Gerstenberg, was sind Ihre persönlichen Regeln für eine gute Schreibe?

Das Wichtigste gehört immer nach vorn. Formulierungen wie: „Im Folgenden möchte ich Ihnen vorstellen, dass …“ kann man streichen. Sie müssen sich als Autorin immer in die Leserperspektive hineinversetzen. Studien zufolge entscheidet sich ein Leser oder eine Leserin innerhalb von zehn Sekunden, ob er oder sie den Text liest oder nicht. Ich als Autorin habe also nur über die Überschrift, das Foto und die ersten ein, zwei Sätze die Möglichkeit, meine Leser zu fesseln.

Was folgt daraus?

Daraus folgt, dass man Binsenweisheiten und Allgemeinplätze besonders am Anfang vermeiden sollte und seine Leser gerade beim Einstieg nicht langweilen darf! „Wie Sie schon in unserem Weihnachtsnewsletter erfahren haben …“ ist beispielsweise eine überflüssige Formulierung. Außerdem gilt: Hauptsachen in Hauptsätze und Nebensachen in Nebensätze! Sie sollten beispielsweise nicht schreiben: „Hiermit möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir im kommenden Frühjahr unsere neue Betriebskita eröffnen werden.“

Und wie ist es mit der Länge von Sätzen und mit Aktiv und Passiv?

Formulieren Sie kurze Hauptsätze, wenige Nebensätze und keine Schachtelsätze. Wenn Sie dann noch starke, bildhafte und aktive Verben und möglichst immer aktive Satzbildungen verwenden, dann können Sie nicht mehr so viel falsch machen.

Nicht mehr so viel? Was kann man denn jetzt überhaupt noch falsch machen?

Wichtig ist aus meiner Sicht, konkret und bildhaft und möglichst nicht abstrakt zu formulieren. Gut ist, wenn man dabei positive Begriffe benutzt, also nicht erzählt, was nicht geklappt hat. Und Vorsicht mit Adjektiven! Auch wenn Sie das im Deutschunterricht einmal anders gelernt haben: Adjektive machen nur Sinn, wenn sie wirklich einen Unterschied beschreiben. „Die junge, blonde, attraktive, erfolgreiche Mutter“ langweilt. Wenn Sie aber im Zusammenhang über unterschiedliche Altersgruppen von Müttern berichten, dann können Sie „jung“ oder „unter 30“ verwenden.

Haben wir jetzt alle Regeln?

Fast: Benutzen Sie wenig Fremdwörter, erklären Sie Fachbegriffe und gebrauchen Sie keine Abkürzungen.

Wie schreibt man denn mithilfe dieser Regeln spannende Texte zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Das hängt sehr stark davon ab, was man sagen möchte. Sie können Reportagen, Features, Meldungen oder Interviews schreiben. Jede Textform eignet sich für bestimmte Themen.

Zunächst muss Ihnen klar sein, was die Kernaussage des Textes, was die Botschaft ist. Wir nennen das auch den Küchenzuruf, also das, was Sie Ihrem Partner abends in der Küche zurufen, wenn er fragt, womit Sie sich heute beschäftigt haben. Dann überlegen Sie, wem genau Sie diese Botschaft übermitteln wollen. Wenn Sie beispielsweise darüber berichten, dass es noch freie Plätze in der Tagespflege gibt, dann haben Sie eine einfache Botschaft und eine jüngere Zielgruppe von Müttern und Vätern unter 40. Damit ist dann auch der Verteiler klar. Bleibt die Frage: Welche Textform wähle ich?

Können Sie uns dieses Thema einmal an allen genannten Textformen durchdeklinieren?

Wenn Sie eine Reportage schreiben wollen, dann brauchen Sie Zeit und Platz. Eine Reportage eignet sich vor allem für Printprodukte. Wenn Sie beispielsweise in Ihrem Unternehmen Eltern mit Zwillingen haben, die in der Tagespflege, um die es ja geht, betreut werden, dann wäre das etwas Besonderes und damit ein guter Aufhänger. Sie besuchen sie und laufen einmal einen ganzen Tag mit. Nur dann können Sie persönliche und detaillierte Beobachtungen und Szenen schildern, was der Kern einer Reportage ist. Auch wenn Sie ein paar Fakten zu Zwillingen bringen, hat eine Reportage keinen direkten Nutzwert. Sie ist eine echte Geschichte. Die Beschäftigten erkennen Ihre Kollegin wieder, finden das Foto süß und lesen sich fest. Das ist oft auch ihr Alltag, und es sind ihre Herausforderungen.

Und wie würden Sie ein Feature daraus machen?

Ich würde nur mit der Mutter telefonieren, mir ihre Geschichte erzählen lassen und dann etwas Kürzeres schreiben. Einsteigen würde ich mit einer Szene, die ich aber nicht selbst miterlebt haben muss. Die Sprache sollte lebendig sein, das heißt, ich würde starke und aktive Verben gebrauchen, einfache Sätze bauen, die Kollegin am Anfang, vielleicht auch zwischendurch einmal und dann am Ende noch einmal wörtlich zitieren. Ein Feature lebt auch von Infokästen. Man könnte darüber informieren, wie viele Eltern es im Unternehmen gibt, wie viele Kinder, wie viele Zwillingspaare und so weiter.

Kann man daraus auch eine Meldung oder ein Interview machen?

Bei einer Meldung würde ich nicht auf die Zwillinge zu sprechen kommen, sondern nur knapp berichten, dass es in der Tagespflege noch freie Plätze gibt. Interviews eignen sich vor allem für Führungskräfte und für abstrakte Themen. Da könnte man beispielsweise den Geschäftsführer Personal zum Thema betriebliche Kinderbetreuung interviewen und ihn in diesem Zusammenhang etwas genauer dazu befragen, was der besondere Vorteil von Kindertagespflege ist. 

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