„Wir können unseren Beruf stärker gestalten und autonom mit Ort und Zeit umgehen“

„Zeitsouveränität wird das neue Statussymbol der Zukunft"

Er ist seit 20 Jahren in der Trend- und Zukunftsforschung tätig und hat 2014 die Zukunftsinstitut Workshop GmbH mitbegründet: Andreas Steinle sieht einen Abschied von materiellen Statussymbolen. Seine These: Das Statussymbol der Zukunft ist Zeitsouveränität. Davon werden gerade Väter profitieren, zugleich aber vor ähnlichen Problemen stehen wie Frauen heute.

Herr Steinle, wir reden viel über den digitalen Wandel und Industrie 4.0. Welche Chancen liegen im schrittweisen Verlassen des Industriezeitalters für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Wir können unseren Beruf stärker gestalten und autonom mit Ort und Zeit umgehen. Diese Freiheit schätzen die Beschäftigten sehr. Der Chef oder die Chefin guckt nicht auf die Uhr, wann wir ins Büro kommen oder wieder gehen. Das bietet die Chance, sehr viel individueller nach unseren Vorlieben und Wünschen zu arbeiten, was eine bessere Vereinbarkeit unterstützt. Dabei werden wir – wenn wir klug mit den neuen Freiheiten umgehen – kreativer, produktiver und glücklicher. In Zukunft werden wir für einen Jobwechsel auch nicht mehr zwingend umziehen müssen. Es wird das selbst fahrende Auto kommen, das eine Art rollendes Büro werden wird. Arbeitgeber werden diese Pendelzeiten als Arbeitszeiten anerkennen, sofern sie überhaupt noch Zeiterfassung betreiben. So können gerade Männer, die zumindest im Moment noch stärker von Jobmobilität betroffen sind, durch mobiles Arbeiten mehr Zeit zu Hause bei ihrer Familie verbringen.

Gibt es auch Risiken?

Ja, das Problem ist, dass wir selber unsere größten Sklaventreiber sind. In dem Moment, in dem die Stechuhr wegfällt, werden wir für das Erledigen von Arbeit bezahlt. Umfragen zeigen, dass die Menschen in diesem Fall mehr arbeiten und überverantwortlich mit Zeit umgehen. Keiner möchte den Anschein erwecken, zu wenig zu arbeiten. Parallel können wir in den letzten zehn Jahren eine Verdoppelung der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen feststellen.

Welche Vorstellung haben Sie als Zukunftsforscher davon, wie Väter im Jahr 2025 ihre Rollen als Arbeitnehmer und als Familienväter vereinbaren?

Das wird leichter möglich sein, denn der Druck, einen bestimmten Status zu erreichen, wird nachlassen. Früher war der Status an den Arbeitsplatz, ein großes Büro, einen schicken Dienstwagen gebunden. Diese Statussymbole werden meines Erachtens an Bedeutung verlieren. Wenn ich meinen Wert nicht durch das große Auto zeige, dann muss ich auch nicht 14 Stunden arbeiten, um dieses Auto fahren zu können. Auch dies wird zum Beispiel der Familie zugutekommen. Gleichzeitig wird es sehr viel mehr Vollzeitväter geben als heute. Sie werden vor denselben Problemen stehen, wie Frauen heute: dass sie teilweise den Karriereanschluss verloren haben, weil ihre Partnerin plötzlich das Doppelte verdient und im Job weitermachen möchte.

Welchen Stellenwert wird mobiles Arbeiten dann haben und wird es tatsächlich – wie von Beschäftigten oft gewünscht – mehr Zeitsouveränität bringen?

Ja, das wird es ganz sicher. Zeitsouveränität wird das neue Statussymbol der Zukunft. Unternehmen werden in Bezug darauf miteinander konkurrieren. Trotzdem wird die zeitweilige Anwesenheit im Büro weiter wichtig bleiben. Der Job wird zur Sphäre kreativer Entfaltung. Die Büros der Zukunft werden eher Lernzentren mit Campusatmosphäre sein. Dort wird es um Lernen und Vernetzen gehen. Eine bestimmte kreative Energie ist an den Arbeitsort im Unternehmen gebunden. Ganz sicher wird aber mobiles Arbeiten zunehmen. Wir sind mehr unterwegs und wollen die Zeit intelligent nutzen. Bald werden Menschen durch das autonom fahrende Auto auch im Berufsverkehr im effizienten Arbeitsmodus sein. Die Herausforderung wird sein, all dies zu professionalisieren: den Umgang mit Zeit, mit Flexibilität, die Mischung aus mobilem Arbeiten und Präsenz im Unternehmen und die Gestaltung des Homeoffice. Dies wird in einem Umfeld geschehen, in dem eine neue Generation von Führungskräften selber diese Erfahrungen gesammelt hat und auch selber Beruf und Familie vereinbaren möchte. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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