Interview mit Sabine Walper

 „Nicht alle Vereinbarkeitsprobleme lassen sich durch erweiterte Betreuungszeiten lösen“

Sabine Walper ist Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts München. Sie sieht einen Trend, bei dem die Partnerschaft als Rahmen für Elternschaft an Bedeutung verliert. Wie sich Familie dadurch verändern wird und wie Unternehmen sich schon heute darauf einstellen können, das skizziert Walper in diesem Gespräch.

Frau Professorin Walper, welchen Kurs wird Ihrer Ansicht nach „Familie“ in den kommenden zehn Jahren nehmen und wie wird sie sich dabei verändern?
Wir erleben schon länger einen Trend abnehmender Heiratsneigung und eine zunehmende Instabilität von Paarbeziehungen. Erwartungen und Ansprüche an Paarbeziehungen sind gestiegen und geraten zunehmend in Konflikt mit den Lebensbedingungen junger Paare. Ehe und Partnerschaft bilden auch nicht mehr den normativen Rahmen für eine Familiengründung. Jedes dritte Kind in Deutschland hat bei seiner Geburt nicht verheiratete Eltern. Zwar lebt die große Mehrheit dieser Eltern in einem gemeinsamen Haushalt, aber es gibt auch andere Wege in die Elternschaft. Relativ neu ist dabei das Phänomen der „Single Mom by Choice“, also der selbst gewählte partnerlose Start in die Mutterschaft. Auch das gemeinsame Wunschkind kann ohne Partnerschaft geplant sein: Frauen und Männer mit Kinderwunsch können sich zum Beispiel über Internetplattformen suchen und finden, um gemeinsam, aber nur auf freundschaftlicher Basis ein Kind zu bekommen und großzuziehen. Sie leben getrennt und erziehen gemeinsam („Co-Parenting“). Den Anspruch, Ehe bzw. Partnerschaft und Familienglück zu verbinden, geben diese Eltern auf. Stattdessen legen sie den Fokus vor allem auf die Elternschaft. Ohnehin investieren viele Eltern mehr Zeit in die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder, das heißt, Elternschaft wird ein zunehmend intensiveres, anspruchsvolles „Projekt“.

Sie sagen, dass so viele auch gut ausgebildete Frauen in Teilzeit arbeiten, weil die Qualität der Kinderbetreuung vielerorts noch zu wünschen übrig lässt. Was würde eine Verbesserung bewirken?
In der Tat: Mehr Betreuungsplätze und erweiterte Öffnungszeiten allein lösen nicht alle Vereinbarkeitsprobleme. Eltern wollen auch Zeit für ihre Kinder haben und wollen, dass ihre Kinder gut betreut werden. Der Ausbau der Kinderbetreuung – vor allem im U3-Bereich – war zwar dringend nötig, jetzt muss aber die Qualität gesteigert werden, um den Ansprüchen der Eltern und den Bedürfnissen von Kindern gerecht zu werden. Für den quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung sprechen viele Faktoren: Erstens investieren Frauen viel in ihre Bildung und wollen ihre Qualifikationen nicht durch einen längeren Ausstieg aus dem Beruf gefährden. Zweitens brauchen viele Familien zwei Einkommen, um ihre Kosten zu decken. Drittens wünschen sich viele Mütter neben dem Zusammenleben mit ihren Kindern auch die Zusammenarbeit mit Erwachsenen, die ihnen der Beruf ermöglicht. Viertens gibt es besonders seit dem neuen Unterhaltsrecht von 2008 für Frauen die existenzielle Notwendigkeit, ihre ökonomische Basis für den Fall einer Scheidung selber abzusichern. Und fünftens entfaltet die gute Arbeitsmarktlage einen Sog und kommt Frauen und Müttern bei ihren Erwerbswünschen entgegen, denn Unternehmen brauchen gut ausgebildete Fachkräfte. Ohne die Sicherheit einer guten Betreuungsqualität besteht jedoch die Gefahr, dass diese Erfordernisse, Wünsche und Chancen in den Hintergrund treten und die Familien – notgedrungen, aber im Interesse der Kinder – bei einem traditionellen Rollenarrangement bleiben. Insofern halte ich eine hohe Qualität der Kinderbetreuung für zentral – sowohl, um Kinder bestmöglich zu fördern, als auch, um Mütter dabei zu unterstützen, im Job zu bleiben. 

Welches Arbeitszeitmodell werden Eltern sich denn in Zukunft wünschen und was bedeutet das für Unternehmen?
Ich denke, auch in Deutschland wird sich längerfristig das Modell der skandinavischen Länder durchsetzen. Das heißt: Die Wochenarbeitszeit beider Eltern wird sich annähern, um Vätern mehr Zeit für Kinder und Müttern mehr Zeit für die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Idealerweise endet die Arbeit zwischen 16 und 17 Uhr, damit noch Zeit für die Familie bleibt. Bei einer Trennung der Eltern erhöht sich für Familien der Planungsaufwand, wenn auch Väter eine aktive Rolle im Leben ihrer Kinder spielen wollen. Die gestiegene Komplexität von Elternschaft, die sich über mehrere Haushalte aufspannt, macht auch Anpassungen in den Rhythmen von Arbeit sinnvoll. Denn: Kinder pendeln zunehmend zwischen ihren getrennt lebenden Eltern – teilweise im Wochenrhythmus – hin und her. Beschäftigte werden den Bedarf haben, zum Beispiel abwechselnd eine Woche viel zu arbeiten und eine Woche frei zu haben. Unternehmen müssen in Zukunft eine noch größere Flexibilität an den Tag legen, als viele dies schon jetzt tun. Das heißt, wir müssen bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit noch viel weiter denken als bisher und in größeren Rhythmen planen.

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