Beispiel aus der Praxis

Immer die Wahrheit sagen

Anke Rogge blickt etwas fassungslos ihre Kollegin Anne Driescher an: Warum weiß sie als alleinerziehende Mutter nicht, dass ihr Unternehmen einen Kinderbetreuungskosten-Zuschuss bis zu 500 Euro zahlt? Anne Driescher ist Fachbereichsleiterin Recruiting & Staffing bei der MT AG im etwas unwirklich von Glasfassaden glitzernden Industriegebiet Ratingen-Ost bei Düsseldorf. Das Unternehmen unterstützt seine Kunden beim Aufbau ganzer IT-Architekturen, der Entwicklung individueller Softwarelösungen sowie deren Betrieb und Monitoring. Driescher lacht, zuckt die Schultern und meint: „Unsere Prozesse sind eben noch nicht in allem wirklich durchorganisiert.“ Das mag wohl stimmen, dennoch unternimmt das IT-Unternehmen viel, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, um Familienfreundlichkeit und um Benefits für die Beschäftigten geht. Driescher redet fürs Mitschreiben fast zu schnell, als sie die Angebote beschreibt: faire und marktgerechte Löhne, individuelle flexible Vereinbarkeitslösungen, Jobticket, Ticket Plus – 40 Euro pro Monat steuerfrei für Benzin, Einkaufen oder den Rücken kräftigendes Kiesertraining –, Dienstwagen, Kinderbetreuungskosten-Zuschuss, Homeoffice, Teilzeit, Vertrauensarbeitszeit ohne Kernarbeitszeit, Elektrofahrräder, Obst und Wasser auf Firmenkosten, Wunscharbeitsausstattung – jeder bekommt, was er oder sie möchte –, flache Hierarchien, individuelle Karrieremöglichkeiten, eine Relax Lounge, einen Kreativraum, die neu ernannte Feel-good-Managerin. Das alles auch, um neue Kräfte langfristig zu binden.

Wo können wir noch besser werden?
Ihr wird selbst beim Aufzählen erst klar, wie viel das eigentlich alles ist, und sicher hat sie noch manches vergessen. Systematisch auf einer Intranetseite zusammengestellt gibt es das alles nicht. Noch nicht. Die junge Frau krempelt sich während des Gesprächs innerlich ständig die Ärmel hoch. Sie beherrscht die ganze Klaviatur vom netten Plaudern auf dem Gang über den schnellen Informationsaustausch zwischen Tür und Angel bis zum offiziellen Gespräch. Angefangen bei der MT AG hat Driescher mit einem Bachelor in BWL im November 2011. Ihren Master in Wirtschaftspsychologie mit dem Schwerpunkt „Mitarbeiterbindung“ hat sie berufsbegleitend absolviert. Im Gespräch fällt ihr immer wieder auf, wo es noch Lücken gibt, wo Prozesse nicht ganz zu Ende gedacht sind. Die Frage „Wo können wir noch besser werden?“ steht unausgesprochen im Raum. Warum zum Beispiel hat die MT AG keinen Pressestab? Nicht einmal jemanden, der oder die für interne Kommunikation zuständig ist. Die erledigt Dr. Sarah Schütmaat quasi nebenher. Schütmaat ist Marketingleiterin und aktuell in Elternzeit. Sie arbeitet zehn Stunden pro Woche, fünf davon zu Hause. Sie schüttelt immer noch ungläubig den Kopf, wenn sie davon berichtet, wie sie mit ihren Vorgesetzten über die bevorstehende Elternzeit sprach in der Erwartung, man würde ihr zumindest ein paar Regeln dazu nennen. Doch niemand verlangte von ihr irgendwelche Terminzusagen, feste Zeiten für Skypekonferenzen oder die Dokumentation ihrer Arbeit. „Die Vertrauenskultur hier ist extrem“, sagt sie. „Und der Ehrenkodex, dem die Geschäftsführung sich verpflichtet fühlt, ist es auch.“ Fachkräfte bei der Konkurrenz abwerben? Ein Unding bei der MT AG.

Alles auf den Prüfstand!
Umso wichtiger ist ein gut durchdachtes und organisiertes Recruitment. „Dabei ist es unser Hauptziel, neue Kolleginnen und Kollegen langfristig zu binden“, sagt Schütmaat. „In Vorstellungsgesprächen gilt für uns deswegen: immer die Wahrheit sagen, niemandem etwas vormachen.“ Erst vor zwei Jahren haben die Kolleginnen Schütmaat und Driescher begonnen, vieles dafür auf den Prüfstand zu stellen. Wofür stehen wir? Was möchten die Bewerber und Bewerberinnen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben die beiden Frauen eine Beschäftigtenbefragung durchgeführt. Aus den Ergebnissen haben sie einen Claim entwickelt: „flexibel.herausfordernd.familiär“.

Flexibel.herausfordernd.familiär
Diese drei Worte sind das Kondensat der Firmenphilosophie: Führungskräfte versuchen immer, Wünsche von Beschäftigten, auch solche, die unbequem und teuer sind, zu realisieren, wenn die Kollegen sich dadurch entlasten oder ihre persönliche Lebens- und Karriereplanung verwirklichen können. So bei einer jungen Kollegin, für die die MT AG den Dualen Studiengang Wirtschaftsinformatik finanziert hatte und die zu der Erkenntnis gelangt war, dass ihr beruflicher Weg sie weg vom Programmieren und hin in den Marketingbereich führt. Der Wunsch wurde ihr erfüllt, ein bisschen zähneknirschend, aber ohne Zögern. Herausforderungen, denen man sich nicht stellt, auch fachlich, gibt es nicht. Und schließlich will sich das Unternehmen, obwohl so viele Beschäftigte bei Kunden teilweise weit verstreut arbeiten, als Familie verstehen. Jede Leistung vonseiten der Geschäftsführung überprüfen die Expertinnen daraufhin, ob sie fair in dem Sinne ist, dass alle davon profitieren und nicht nur diejenigen, die am Standort in Ratingen arbeiten.

Mood-App: Stimmungen in Teams einfangen
Jetzt haben die beiden Fachfrauen alle Texte auf der Website, alle Flyer, Messestände und Give-aways an diesen Claim angepasst. Sie haben Stellenanzeigen überarbeitet, eine Social-Media-Strategie ausgearbeitet und setzen auch auf das Anwerben neuer Fachkräfte durch Beschäftigte. Wer das schafft, bekommt eine Prämie von 3000 Euro. Die Voraussetzung: Die neu eingestellte Person muss die Probezeit erfolgreich bestanden haben. Neu eingestellte Fachkräfte erhalten eine Willkommensmappe. Sie können den Personalbereich über eine Feedbackbox alles, was ihnen am Bewerbungsprozess nicht gefallen hat, anonym wissen lassen. Außerdem entwickeln Driescher und Schütmaat zurzeit eine Mood-App, um gerade in einem Beratungshaus wie der MT AG die Stimmungen besser einzufangen. Kolleginnen und Kollegen können bald mit wenigen Klicks kundtun, welche Probleme sie möglicherweise haben und wo sie Verbesserungsbedarf sehen.

Bewerber kommen in Jeans und T-Shirt
Und was wird die Zukunft fordern? Ausbauen möchte die MT AG die betriebliche Kinderbetreuung. Väter gehen schon jetzt selbstverständlich in Elternzeit, allerdings vor allem für die zwei „Vätermonate“ – da geht vielleicht noch mehr, zumal derzeit der Trend zum Drittkind herrsche, wie Driescher bemerkt. Die 30-Jährige geht die Themen pragmatisch und mit großem Elan an und strahlt dabei eine angenehme Autorität aus. Sie führt regelmäßig Vorstellungsgespräche und wundert sich, dass Bewerber statt im Anzug zum Teil in Jeans und T-Shirt kommen. Das Unternehmen wird dieses Jahr 25 Jahre alt, also langsam erwachsen. Die fehlende Perfektion an der einen oder anderen Stelle eröffnet immer wieder die Möglichkeit zur Entwicklung. Und so geht Anke Rogge nach dem Ende des Interviews in die Personalabteilung und beantragt den Kinderbetreuungskosten-Zuschuss. Sicher wird sie nicht die Letzte sein, die diesen Zuschuss eigentlich schon länger hätte bekommen können. Aber: Wo können wir noch besser werden? Diese Frage hallt in den hellen Räumen nach.


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