Drei Fragen an Dr. Volker Then (Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen CSI, Universität Heidelberg)

„Corona als Auslöser eines nachhaltigen Kulturwandels“

Dr. Volker Then leitet die Forschungsstelle Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen (CSI) des Max-Weber-Instituts für Soziologie an der Universität Heidelberg. 2014 hat er gemeinsam mit einem Pharmakonzern und einem freien Kitaträger eine Studie über die Auswirkungen betrieblicher Kinderbetreuung erstellt. Das Ergebnis: Betriebskitas lohnen sich auch betriebswirtschaftlich.

  1. Herr Dr. Then, Sie haben 2014 eine Studie über die Auswirkungen betrieblicher Kinderbetreuung verfasst. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?
    Der gesamtgesellschaftliche Ertrag einer Betriebskita ist positiv. Denn alle Akteure haben gewonnen, und das hat uns durchaus überrascht. Die Finanzierung sah folgendermaßen aus: Der Pharmakonzern hat 70 Prozent der Gesamtkosten getragen, die Eltern über die Kitagebühren 20 Prozent und die öffentliche Hand über Zuschüsse 10 Prozent. Interessant waren die Rückflüsse, gewissermaßen in Form einer Rendite: Das Pharmaunternehmen hat 102 Prozent des eingesetzten Kapitals zurückerhalten, hatte allerdings eher mit einem Zuschuss als mit einem Überschuss gerechnet. Die Eltern hatten einen Rückfluss ihres Einsatzes von 187 Prozent und die öffentliche Hand hat 596 Prozent dessen zurückerhalten, was sie investiert hatte. Das heißt, es gab eine echte Win-win-Situation.
     
  2. Können Sie die Geschichte hinter diesen Zahlen erzählen?
    Die 270 Eltern, die ihre Kinder in der Betriebskita des Konzerns betreuen ließen, kamen durchschnittlich dreieinhalb Monate früher aus der Elternzeit zurück als die ca. 3.000 Eltern aus der Kontrollgruppe, die ihre Kinder anderweitig betreuen ließen. Das heißt, diese 270 Eltern waren dreieinhalb Monate länger produktiv, was ihrem Unternehmen zugutekam. Die schnellere Rückkehr reduzierte außerdem Konflikte im Umfeld von Elternzeit und Mutterschutz sowie den Bedarf an Vertretungen. Für die Eltern selbst war das Familieneinkommen durch die schnelle Rückkehr insgesamt höher. Der Konzern konnte durch die Kita besonders hoch qualifizierte Frauen an sich binden. Die öffentliche Hand hat schließlich in Form von Steuern und Sozialabgaben, die durch die frühere Rückkehr der Eltern gezahlt wurden, Mehreinnahmen erwirtschaftet.
     
  3. Was sind die ersten Schritte, wenn Unternehmen betriebliche Kinderbetreuung in der Praxis umsetzen wollen?
    Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen, eine eigene Betriebskita zu eröffnen, müssen zwei große Fragen beantworten: 1. Gibt es geeignete Räumlichkeiten? 2. Plant das Unternehmen, den Betrieb der Kita selbst zu übernehmen oder dies einem Kooperationspartner zu überlassen? Dabei ist eine besonders kritische Größe die Gewinnung qualifizierten Personals. Ein Großteil der 70 Prozent Investitionen der Gesamtkosten in unserer Studie flossen tatsächlich in neu errichtete Räumlichkeiten und in die Zusammenarbeit mit einem externen Betreiber.

Hier gelangen Sie zur Studie.


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