NewsAktuellesStartseite

Führen in Teilzeit – eine Frage der Haltung

Expertin Brigitte Abrell glaubt, dass Führen in Teilzeit überall gelingen kann. Was Führungskräfte und Unternehmen wissen sollten, verrät sie hier.

Nur eines von vielen Modellen: Im Job-Sharing teilen sich zwei Führungskräfte eine leitende Position. (Quelle: Jacob Lund / shutterstock)

Frau Abrell, welche Gründe stehen hinter dem Wunsch, als Führungskraft in Teilzeit zu gehen?
Die allermeisten Führungskräfte möchten aus familiären Gründen in Teilzeit arbeiten. Meistens wegen der Kinderbetreuung, aber immer häufiger auch, um Angehörige zu pflegen. Manchen geht es auch um eine bessere Lebensqualität, ein persönliches Projekt, wie ein Haus zu bauen, eine Weiterbildung oder darum, die eigene Gesundheit zu erhalten. Weitere Gründe können sein, dass Führungskräfte den gleitenden Übergang in den Ruhestand suchen oder sich ehrenamtlich engagieren möchten. Man sieht an den Beispielen: Der Wunsch in Teilzeit zu arbeiten, ist häufig an eine bestimmte Lebensphase gebunden.

Wie viele Mitarbeitende nutzen das Modell?
Leider gibt es immer noch viele Barrieren, die Führen in Teilzeit erschweren. Nur gut ein Prozent der männlichen und knapp 15 Prozent der weiblichen Führungskräfte arbeiten laut Wissenschaftszentrum in Berlin für Sozialforschung in Teilzeit. Allerdings sind die Zahlen von 2013. Einen besonders hohen Anteil weisen Branchen auf, in denen viele Frauen arbeiten. Auch in der IT-Branche mit ihren vielen jungen Beschäftigten führen überdurchschnittlich viele Mitarbeitende in Teilzeit.

Wie lässt sich dieser Anteil erhöhen?
Die meisten Bremsklötze liegen nicht in den faktischen Gegebenheiten, sondern in den Blockaden im Kopf. Damit Führen in Teilzeit gelingt, braucht es Offenheit – und zwar von ganz oben aus der Leitungsebene. Wichtig ist auch, dass die Leitung ihre Beschäftigten darüber informiert, dass Führen in Teilzeit möglich ist und welche Modelle es gibt. Wer Führen in Teilzeit ernstnimmt, sollte daraus ein Unternehmensziel machen, das genauso stringent verfolgt wird, wie jedes andere. Meine Beobachtung ist: Wenn das Unternehmen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer halten will, findet sich eine Lösung.

Was sollten Führungskräfte vor dem Wechsel in eine Teilzeitposition wissen?
Als Führungskraft in Teilzeit muss man sich einen sehr effizienten Arbeitsstil angewöhnen. Perfektionismus ist ein K.-o.-Kriterium. Auch, wer vorher schon gut organisiert war, sollte seine Arbeitsweise überprüfen und eine Bestandsaufnahme machen: Was sind meine Kernaufgaben? Was sind Führungsaufgaben? Was sind Fachaufgaben? Welche muss ich unbedingt selber machen und welche kann ich delegieren? Wenn sich Unternehmen fragen würden, wie sie effizienter werden können, hätten Führungskräfte in Teilzeit viel zu erzählen.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Führen in Teilzeit für die Zukunft ein?
Führen in Teilzeit macht es auch für Frauen interessanter, Führungsaufgaben zu übernehmen. Elternzeiten, die für Unternehmen ein hoher Kostenfaktor sind, lassen sich dadurch erheblich verkürzen. Das erscheint mir gerade in Zeiten das Fach- und Führungskräftemangels relevant. Auch die Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeitenden und das Unternehmensimage sind nicht zu unterschätzen. Unternehmen, die als familienfreundlich gelten, erhalten um zehn Prozent mehr Bewerbungen und es bewerben sich häufiger besonders qualifizierte Personen.

Welchen Tipp haben Sie für Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden die Option für Führen in Teilzeit bieten möchten?
Wichtig ist, dass sich Unternehmen intelligente Modelle ausdenken. Teilzeit bedeutet nicht, jeden Tag von acht bis zwölf Uhr zu arbeiten. Im Jobsharing zum Beispiel ist die Führungskraft immer präsent. Dazu müssen sich die Arbeitszeiten überschneiden. Die Grundvoraussetzung ist, dass beide Personen gut miteinander klarkommen. Beide Führungskräfte sollten definieren, welche Aufgaben es gibt, wer was macht und auch, wer welche Bedürfnisse hat. Das Ergebnis sind mega motivierte Mitarbeitende. Wer in Teilzeit führen kann, wird seine Arbeit bestimmt nicht schleifen lassen, sondern alles daransetzen, dass es gut läuft.

Über Brigitte Abrell
Weil sie mit dem Vorurteil aufräumen wollte, dass Führen in Teilzeit nicht geht, schrieb Brigitte Abrell ein Buch über das Thema. Sie arbeitete insgesamt zwölf Jahre in Teilzeit – in verschiedenen Positionen und mit durchweg positiven Erfahrungen. Als Coach berät sie Führungskräfte und Unternehmen zum Thema Führen in Teilzeit.

Teile: