Es trifft Dirk Münstermann, Personalleiter der Münstermann GmbH & Co. KG, völlig unvorbereitet, als ein Kollege ihm mitteilt, dass er bis auf Weiteres nicht mehr arbeiten könne – seine Frau sei an Krebs erkrankt und benötige Pflege. „Ich habe mich geärgert, dass ich so gar nichts über die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wusste“, erinnert sich Münstermann.
Dieser Moment wird zum Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen von Mitarbeitenden, die neben ihrem Beruf Angehörige pflegen. Dabei zeigt sich: Ein Pflegekoffer – also ein Material- und Informationsbestand zur Unterstützung – ist zwar vorhanden, wurde jedoch bislang nie genutzt.
Schnell werden erste Lösungen umgesetzt: Der betroffene Kollege wird zeitweise freigestellt und erhält professionelle Beratung über den Kreis Warendorf. Zudem absolvieren Münstermann und zwei Kolleginnen eine Fortbildung zu Pflegelotsinnen und Pflegelotsen.
Der in sechster Generation geführte Familienbetrieb mit 330 Beschäftigten und Sitz im westfälischen Telgte beginnt, das Thema systematisch zu verankern. Eine Unternehmensapp informiert die Belegschaft über die neuen Angebote, insbesondere die Pflegelotsinnen und Pflegelotsen, und fördert den Austausch. Nach und nach melden sich weitere Mitarbeitende mit Pflegeverantwortung, etwa für ein Kind mit Behinderung oder ein Elternteil.
Strukturelle Lösungen und nachhaltige Verankerung im Unternehmen
Um nachhaltig handlungsfähig zu sein, ergreift das Unternehmen weitere Maßnahmen: Ein externer betrieblicher Sozialarbeiter unterstützt Mitarbeitende in herausfordernden Lebensphasen. Gleichzeitig werden die Arbeitszeiten flexibilisiert – bis hin zu Teilzeitlösungen und hoher Arbeitszeitautonomie. Eine Betriebsvereinbarung ermöglicht zudem bis zu zwei Tage Homeoffice pro Woche, sofern die Tätigkeit dies zulässt.
Die Arbeitsorganisation wird entsprechend angepasst: Während überwiegend im Einschichtsystem gearbeitet wird, erfordert zum Beispiel die Laseranlage ein Zweischicht-System. Zum Teil sind die Arbeitsprozesse so organisiert, dass eine sehr enge Zusammenarbeit in Teams nötig ist. Insgesamt ist bei etwa einem Drittel der Beschäftigten die Anwesenheit im Betrieb erforderlich. Wo möglich, werden Arbeitsplätze umorganisiert und interne Versetzungen vorgenommen, wenn sich Pflegesituationen ergeben.
Ergänzend wird eine Mitarbeiterin zur Fachkraft für psychosoziale Unterstützung qualifiziert. Ihre Aufgabe ist es, Kolleginnen und Kollegen in belastenden Lebenssituationen zu begleiten und die Resilienz in der Belegschaft zu stärken. Münstermann zieht eine positive Bilanz: „Sobald jemand die Pflege eines Angehörigen übernimmt, sprechen wir mit der jeweiligen Führungskraft und erarbeiten eine Lösung.“ Er berichtet, dass sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen ihm gegenüber öffnen. Münstermann meint: „Das Geheimnis liegt darin, mit den Informationen vertrauensvoll umzugehen und zu seinen Versprechungen zu stehen.“