Drei Fragen an Corinna Schwedhelm

Die Währung von pflegenden Beschäftigten ist Zeit und Flexibilität

Portrait von Corinna Schwedhelm
© Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie"

Corinna Schwedhelm ist seit 2011 Referentin im Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ und hat im Lauf der Jahre ein umfangreiches Expertenwissen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aufgebaut. In zahlreichen Veranstaltungen, Interviews und Praxisbeispielen kam diese Expertise bereits zum Tragen. Hier erläutert sie die Ausgangslage und erklärt, wie Arbeitgeber sich angesichts der wachsenden Zahl pflegender Beschäftigter zukunftssicher aufstellen können.

Frau Schwedhelm, im Jahr 2023 waren 5,7 Millionen Menschen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes pflegebedürftig, das heißt, sie hatten einen Pflegegrad. 86 Prozent von ihnen wurden zu Hause versorgt. Laut sozioökonomischem Panel haben über 4 Millionen Erwerbstätige pflegerische Aufgaben übernommen – auch bei Personen ohne Pflegegrad. Welche Unterstützung sieht der Gesetzgeber für pflegende Erwerbstätige vor?

Diese Zahlen zeigen deutlich: Pflege ist längst zu einem gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Thema geworden und wird durch den demografischen Wandel weiter an Bedeutung gewinnen. Millionen Erwerbstätige übernehmen Verantwortung für Angehörige, häufig parallel zu einer Voll- oder Teilzeitbeschäftigung.

Der Gesetzgeber hat dafür verschiedene Instrumente geschaffen, die vor allem mehr zeitliche Flexibilität ermöglichen sollen. Zentrale Grundlagen sind das Pflegezeitgesetz (PflegeZG) und das Familienpflegezeitgesetz (FPfZG). Sie bieten Beschäftigten die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit an Pflegesituationen anzupassen: kurzfristig bis zu zehn Tage Auszeit in akuten Fällen, bis zu sechs Monate vollständige oder teilweise Freistellung sowie eine Reduzierung der Arbeitszeit über maximal 24 Monate. Während dieser Zeiten besteht Kündigungsschutz, zudem können zinslose Darlehen in Anspruch genommen werden.

Ergänzend bieten arbeitsrechtliche Regelungen wie das Teilzeit- und Befristungsgesetz weitere Flexibilisierungsmöglichkeiten. Allerdings zeigt sich laut dem Institut der deutschen Wirtschaft: Es stehen nicht finanzielle Aspekte im Vordergrund, sondern Zeit und Vereinbarkeit. Viele Regelungen werden bisher noch nicht ausreichend genutzt – etwa aufgrund bürokratischer Hürden. Hier besteht weiterhin Verbesserungsbedarf, insbesondere in der Verzahnung mit betrieblichen Lösungen.

Wie ergeht es pflegenden Beschäftigten? Bitte schildern Sie, welche Bedarfe durch Pflege und Erwerbstätigkeit entstehen können.

Pflege ist meist nicht planbar und immer individuell. Sie beginnt oft lange vor einem offiziellen Pflegegrad und entwickelt sich schrittweise: von Arztbesuchen und Einkäufen über Haushaltsaufgaben bis hin zu intensiver körperlicher Pflege und emotionaler und sozialer Unterstützung. Im Gegensatz dazu gibt es auch die kurzfristigen Ereignisse: Ein Sturz, ein Unfall stellt ein bis dahin funktionierendes System von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf. Beschäftigte müssen dann kurzfristig reagieren, Termine koordinieren, Informationen recherchieren und spontan Pflegelösungen entwickeln.

Der WIDo-Monitor der AOK geht davon aus, dass Hauptpflegepersonen bis zu 49 Stunden pro Woche pflegen. Entsprechend groß ist die Belastung: körperlich, psychisch und organisatorisch. Beruf und Pflege unter einen Hut zu bringen, empfinden viele als sehr herausfordernd – mit Folgen wie Stress, Erschöpfung und eingeschränkter Leistungsfähigkeit.

Die wichtigste „Währung“ für Pflegende ist Zeit und Flexibilität. Häufig bleibt kaum Raum für andere Familienaufgaben, soziale Kontakte oder Freizeitaktivitäten. Besonders belastend ist die Pflege auf Distanz. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen ganz aus, was langfristige Nachteile für Karriere und Altersvorsorge bei den Beschäftigten und Wissensverlust bei den Unternehmen bedeutet. 

Ein entscheidender Punkt: Viele Betroffene sprechen erst über ihre Belastung, wenn die Grenzen bereits überschritten sind.

Was können Arbeitgeber tun, um Beschäftigte in solchen Situationen wirksam zu unterstützen? Bitte nennen Sie die aus Ihrer Sicht wichtigsten Maßnahmen.

Aus den beschriebenen Herausforderungen ergeben sich klare Bedarfe: Sichtbarkeit des Themas mit Befragungen und interner Kommunikation, flexible Arbeitszeiten mit Teilzeitangeboten und Arbeitszeitkonten, anpassbare Arbeitsorte, kurzfristige Freistellungen bei gleichzeitiger Planungssicherheit sowie Informations- und Beratungsangebote. Ebenso wichtig sind eine realistische Personalplanung, um Überlastung zu vermeiden, verlässliche Erholungszeiten und Anerkennung und Verständnis im beruflichen Umfeld.

Unternehmen sollten sich strategisch mit dem Thema auseinandersetzen und eine pflegesensible Unternehmenskultur entwickeln. Dazu gehören klare Haltungen, Leitbilder und geschulte Führungskräfte, die dieses Thema aktiv vorleben und beispielsweise verlässliche Dienstpläne ermöglichen. Eine geschulte Ansprechperson, etwa ein Pflegelotse/eine Pflegelotsin, kann Orientierung geben und Informationen und Beratung anbieten.

Ziel ist es, Flexibilität mit Verlässlichkeit zu verbinden und so echte Entlastung zu schaffen.

Mein Fazit: Unternehmen sind gut beraten, frühzeitig Strukturen zu schaffen, die pflegende Beschäftigte unterstützen – nicht zuletzt, um wertvolle Fachkräfte langfristig zu halten.

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