Corona

„Homeoffice ist eine Chance – insbesondere für Väter“

Wie können Unternehmen ihre beschäftigten Väter bei der Vereinbarkeit unterstützen? Und was wünschen sich Väter für betriebliche Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit? Der Familienforscher Dr. Martin Bujard hat Antworten.

Portrait:; Dr. Martin Bujard spricht in ein Mikrofon

Dr. Martin Bujard, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Foto: BiB

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die Aufgabenverteilung in den Familien und die Rolle der Väter?

Martin Bujard: Die Pandemie hat die Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern teilweise stark durcheinandergebracht – wie auch viele andere Bereiche des Lebens. Letztlich mussten Eltern schauen, wie sie unter den Bedingungen improvisieren. Entscheidend ist für Paare die berufliche Konstellation: Beispielsweise hat der Vater sich auf einmal deutlich mehr im Haushalt und Kinderbetreuung beteiligt, weil er in Kurzarbeit ist und die Frau in einem systemrelevanten Beruf arbeitet – oder umgekehrt. Es hängt also davon ab, wer wie stark beruflich beansprucht war und wer Homeoffice machen konnte. Oft haben Paare während des Lockdowns neue Modelle ausprobiert und versucht die Aufgaben anders zu verteilen. In letzter Zeit wurde häufig behauptet, dass Frauen überproportional viel zusätzliche Familienarbeit übernommen hätten. Allerdings ist unseren Analysen nach der auch Anteil von Vätern an der Familienarbeit von rund einem Drittel vor der Pandemie auf durchschnittlich 41 Prozent im ersten Lockdown gestiegen.

Gibt es Prognosen, wie sich der Trend im zweiten Lockdown entwickelt hat?

Martin Bujard: Das ist schwer zu sagen, denn wir stecken ja noch mitten im zweiten Lockdown. Der erste Lockdown hatte hart auf dem Arbeitsmarkt eingeschlagen, wobei durch das Kurzarbeitergeld für zeitweise sechs Millionen Menschen vieles abgefedert wurde. Hinsichtlich des durchschnittlichen Anstiegs des Engagements der Väter bei der Familienarbeit warne ich jedoch davor, diesen Wert als Zeichen zu verstehen, dass Männer generell mehr im Haushalt machen. Vielmehr wurde deutlich, dass die Paare in jeweils sehr unterschiedlichen Konstellationen versuchten, sich die Aufgaben so aufzuteilen, wie es für beide am besten passte. Aufgrund der Tatsache, dass Männer überdurchschnittlich häufig in Kurzarbeit waren, haben diese dann auch mehr in der Familienarbeit, wie Haushalt oder Homeschooling, geholfen, weil sie die Zeit dafür aufbringen konnten. Das halte ich für eine sehr spannende Entwicklung. Es gab aber auch viele Paare, wo der Vater am Arbeitsplatz gearbeitet hat und die Mutter, die bereits vor Corona die meiste Familienarbeit geleistet hatte, die Corona-bedingte Mehrarbeit auch noch geschultert hat. Andererseits sind Frauen in systemrelevanten Berufen überproportional vertreten und waren in der Pandemie unentbehrlich. Das gilt nicht nur für medizinische Berufe wie Ärztinnen oder Krankenpflegerinnen, sondern auch für den Lebensmitteleinzelhandel oder die Verwaltung.

Kann man zusammenfassend sagen, dass dadurch das in männerdominierten Bereichen viel Kurzarbeit herrschte, Männer auch mehr in der Heimarbeit mitgeholfen haben?

Martin Bujard: Genau, das ist ein wesentlicher Grund. Zudem konnten manche Väter im Homeoffice arbeiten und die Partnerin nicht, sodass Millionen Väter auf einmal Zeit hatten, sich mehr einzubringen, einfach weil es in der Situation gepasst hat. Außerdem konnten sie plötzlich miterleben, was Frauen im Haushalt tatsächlich leisten und diese Aufgaben übernehmen. Kurz gesagt, die Erzählung, die gesamte Mehrarbeit würde von den Frauen übernommen ist ein Mythos. Es mag sein, dass es in Einzelfällen so dargestellt wird, aber generell lässt sich diese These nicht bestätigen – eher im Gegenteil.

Welche Lehren können Familien und Arbeitgeber aus den Krisenerfahrungen ziehen? Wie sieht die Zukunft aktiver Vaterschaft aus und worauf sollten sich Unternehmen einstellen?   

Martin Bujard: Eine Lehre ist, dass Väter wahnsinnig wichtig sind. Als aktive Väter. Das waren sie natürlich auch schon vorher, aber in der Pandemie hat es sich noch einmal deutlicher gezeigt. Eine andere Lehre ist die Erfahrung mit dem Homeoffice, dies hat vielen Vätern häufigere Kontakte mit ihren Kindern in deren Alltag ermöglicht. Sicherlich ist das nicht in allen Berufen möglich, aber in mehr als man denken könnte. Das Homeoffice hat ganz neue Möglichkeiten geschaffen und die Arbeitswelt hat viel dazugelernt. Beispielsweise ist es vielerorts mittlerweile völlig normal, wenn man ein berufliches Telefonat führt und ein Kind kurz dazukommt. Insofern ist das Homeoffice für viele eine Chance sich stärker am Familienleben zu beteiligen – insbesondere für Väter.

Welche betrieblichen Maßnahmen wünschen sich Väter konkret (gegebenenfalls auch im Unterschied zu Müttern), um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können?

Martin Bujard: Es gibt bereits eine Vielzahl an Maßnahmen, die umgesetzt werden. Einige Unternehmen sind in dieser Hinsicht sehr kreativ und machen sich viele Gedanken, wie sie die Mitarbeitenden unterstützen können. Andere Unternehmen haben noch großen Nachholbedarf. Wichtiger als neue Regelungen ist jedoch aus meiner Sicht die Kultur der Ansprache. Was wird vorgelebt auf der Führungsebene? Wie werden Mitarbeitergespräche geführt? Wird den Männern gesagt, dass sie auch nicht nur Mitarbeiter sind, sondern auch Väter sein können? Ist ein familiäres Engagement von Männern erwünscht? Diese Themen müssen angesprochen und am besten auf der Führungsebene vorgelebt werden. Der Vorgesetzte soll wissen, ob der Mann Kinder hat, in welchem Alter und wie die Betreuung funktioniert. Es sollen einfach Signale kommen und Sensibilität für dieses Thema geschaffen werden. Den Vätern soll gezeigt werden, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein ganz normales Thema ist, mit dem sie nicht alleine sind.

Und das macht man am besten mit Role-Models, die zeigen, dass es funktionieren kann?

Martin Bujard: Genau, das sind idealerweise Leistungsträger und Führungskräfte, die das für ein bis zwei Jahre vormachen und darüber berichten. Leute, die als cool und Siegertypen wahrgenommen werden. Dann werden diese Role-Models schnell Nachahmer finden. Hinsichtlich der Gesamtarbeitszeit über ein Leben verteilt ist diese Zeit doch marginal, wenn man ehrlich ist; aber es ermöglicht den Männern, mehr Zeit in ihre Rolle als Vater zu investieren.

Studien zeigen, dass viele Väter ihre Arbeitszeit etwas reduzieren möchten, es aber nicht tun. Wie kann es gelingen, die Wünsche zu realisieren?

Martin Bujard: Das fängt damit an, dass ab 17 Uhr keine Meetings mehr stattfinden sollten, da sind wir mittlerweile schon relativ weit. Ein anderer sehr wichtiger Punkt ist die Arbeitszeit insgesamt. Deswegen wünschen sich viele Väter, dass sie die Arbeitszeit temporär auch reduzieren können: Beispielsweise ein- oder zweimal in der Woche mittags Schluss machen, um die Kinder zu Hause sehen. Das ist insgesamt ein großer Gewinn für die gesamte Familie, für die Vater-Kind-Beziehung und die Beziehung zur Partnerin. Um das umzusetzen, muss man aber bereit sein, neue Wege zu gehen. Man sollte auch mal temporär in eine 32- oder 35-Stunden-Woche wechseln können, das darf nicht automatisch mit Karriereeinbußen in Verbindung gebracht werden. 80 oder 90 Prozent Arbeitszeit, wenn die Kinder klein sind – das ist etwas, dass sich viele Väter wünschen, aber was im Moment kaum umgesetzt wird. Viele haben einfach Angst, dann nicht mehr als volle Arbeitskraft zu gelten – dem muss man entgegenwirken.

Mit welchen Argumenten können Väter ihre Arbeitgeber davon überzeugen, dass für sie Vereinbarkeit ein wichtiges Anliegen ist?

Martin Bujard: Väter sollten das Thema Vereinbarkeit in Mitarbeitergesprächen gegenüber ihren Vorgesetzten ansprechen und betonen, dass es ihnen wichtig ist. Dabei sollten sie im Hinterkopf haben, dass Frauen und Mütter Jahrzehnte lang massiv kämpfen mussten, um einen Fuß ins Berufsleben setzen zu können – und dieser Kampf weiterhin läuft. Insofern sollte man ein bisschen Mut haben, das Thema selbstbewusst anzusprechen. Wenn man mehr Zeit für die Kinder haben möchte, ist das keine Entscheidung gegen das Unternehmen. Es zeigt vielmehr, dass man diese Facette hat und das steht für eine starke soziale Kompetenz. Auf der anderen Seite wissen Arbeitgebende, dass es für den Arbeitnehmenden natürlich ein entscheidender Motivationsschub ist, wenn hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Unterstützung angeboten wird -auch ein entscheidender Faktor für eine langfristige Bindung eines Mitarbeitenden.

Wo sehen Sie mit Blick auf Väter Nachholbedarf in der Arbeitswelt und auch in der Familienpolitik?

Martin Bujard: Für Arbeitgebende ist es zunächst wichtig, dass man sich nicht nur am Selbstbild orientiert, sondern wirklich die Angestellten befragt, wie gut die Vereinbarkeit im Alltag funktioniert. In dieser Hinsicht sind Väternetzwerke sehr hilfreich, weil sie zeigen, dass ein Bewusstsein vorhanden ist. Mit Blick auf die Familienpolitik braucht es eine dynamische Familienarbeitszeit. Das bedeutet ein zeitliches Angebot, das über die Elternzeit und das Elterngeld Plus hinausgeht, bis zur Einschulung. Die Realität sieht doch oft so aus: Bis die Kinder drei Jahre alt sind und besonders viel Zeit benötigen, arbeitet die Mutter höchstens in Teilzeit, meistens 15 oder 20 Stunden. Der Vater arbeitet in Vollzeit und macht sogar Überstunden. Für die Gesellschaft und insbesondere die Paare wäre es hingegen besser, wenn beide Elternteile zum Beispiel nur 80 Prozent oder 70/90 Prozent arbeiten würden. Einerseits würden die Mütter dann besser im Beruf bleiben und die Väter hätten mehr Zeit mit den Kindern. Eine dynamische Familienarbeitszeit würde mit dem steigenden Alter der Kinder die Arbeitszeit beider Eltern sukzessive Richtung Vollzeit anheben, das wünschen sich viele Mütter und Väter ohnehin. Somit würden alle Beteiligten profitieren und es wäre gleichzeitig ein enormer gesellschaftlicher Fortschritt.

Zur Person

Martin Bujard ist seit 2020 stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und Leiter der Abteilung Familie und Fertilität. Zudem ist er unter anderem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 

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