Beispiel aus der Praxis

„Jobsharing ist wie eine Ehe“

Carola Garbe (56) und Catherine Marie Koffnit (45) leiten in Jobsharing den HR Regionalbereich Ost bei der DB Netz AG. Das Unternehmen betreibt knapp 90 Prozent des Schienennetzes in Deutschland und beschäftigt rund 48.000 Menschen. Garbe und Koffnit sitzen in Berlin und sind für 4.800 Beschäftigte verantwortlich. Ihre Thesen: Jobsharing eignet sich besonders für jüngere Generationen, die sich ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben wünschen. Es funktioniert prinzipiell auf jeder Stelle, jedoch nicht mit jedem Persönlichkeitstyp.

Frau Garbe und Frau Koffnit: Wie organisieren Sie Ihr Jobsharing-Modell?
Garbe: Wir arbeiten beide 60 Prozent und teilen uns ein Büro. Montags ist unser gemeinsamer Tag, danach geht eine von uns vier Tage ihrem Privatleben nach, in der Folgewoche tauschen wir. Wir teilen ein Telefon, wir haben eine Visitenkarte, die auf beiden Seiten bedruckt ist, und wir sind für dringende Abstimmungen auch an unseren vier freien Tagen erreichbar.

Warum haben Sie dieses Modell gewählt?
Koffnit: Meine Kollegin Frau Garbe hatte unsere jetzige Position schon seit sechs Jahren inne. Ich kam 2015 in der Position ihrer Stellvertreterin dazu. 2016 war für uns beide ein recht hartes Jahr, mit einigen Todesfällen in unserem Umfeld und vielen Ausfällen im Team. Am Ende des Jahres haben wir uns gefragt: Wollen wir so hochtourig weiterarbeiten? In Teilzeit zu wechseln ist auf unserer Ebene schwierig. Wir hätten einen Schritt zurückgehen müssen, was keine von uns wollte. So kamen wir auf die Idee, uns die Position von Frau Garbe zu teilen.

Was waren die wichtigsten Vorbereitungen?
Garbe: Jobsharing ist wie eine Ehe. Wir haben einiges besprochen, was jung Verliebte wohl öfter versäumen: Wie gehen wir mit Themen um, bei denen wir nicht gleicher Meinung sind? Was machen wir, wenn Beschäftigte uns gegeneinander ausspielen wollen? Wir haben ein Jahr gebraucht, wirklich strategisch zu überlegen, wie wir das Jobsharing aufsetzen und wie wir kommunizieren wollen.

Haben Ihre Vorbereitungen den Realitätscheck bestanden?
Koffnit: Ja, eindeutig. Es ist Teil unseres Erfolgs, dass wir viel kommuniziert und unser Modell nicht nur unserer Chefin, sondern auch den Teams und den Leitungen der anderen sechs Regionalbereiche vorgestellt haben. Ganz praktisch standen wir vor der Herausforderung, einen gemeinsamen Kalender und ein gemeinsames E-Mail-Postfach zu führen, mit einer Assistentin zu arbeiten, Protokolle über wichtige Entscheidungen anzufertigen, aber auch zwischenmenschliche Töne mitzuteilen. Manchmal spricht Sie jemand im Fahrstuhl an oder jemand rollt in einem Meeting mit den Augen. Solche Informationen dürfen nicht verloren gehen, und das gelingt uns. Nebenher sind wir gegenseitig unsere besten Coaches.

Was sind die Vorteile für Sie persönlich?
Garbe: Unser Arbeitsmodell ermöglicht es uns, neben einem anspruchsvollen Beruf auch ein echtes Privatleben zu führen und uns um unsere Familien zu kümmern. Für den Job bedeutet die gemeinsame Arbeit auf einer Stelle, sich immer beraten zu können. Wir gehen sehr offen miteinander um und reflektieren Entscheidungen miteinander. Das gilt auch für unseren Führungsstil. Das ist ein großer Gewinn für uns, aber auch für unser Team.

Inwiefern?
Garbe: Menschen verlassen heute bei einem Jobwechsel nicht mehr ihr Unternehmen, sondern sie verlassen ihre Führungskraft. Wenn ein junger Mensch mit seinem Chef oder seiner Chefin nicht klarkommt, sucht er sich etwas anderes. Mit einem Tandem haben Mitarbeitende die Chance, zur jeweils anderen zu gehen, wenn sie mit einer von uns auf der persönlichen Ebene nicht harmonieren.

… und die Vorteile für Ihren Arbeitgeber?
Koffnit: Für unser Unternehmen heißt das, zwei Persönlichkeiten und zwei Kompetenzen auf einer Stelle zu haben. Ich bin Juristin, Frau Garbe ist Wirtschaftsingenieurin. Wir sind zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich voll einbringen. Das sind Mehrwerte für ein Unternehmen, die es nicht hat, wenn es Führungsstellen nur mit einer Person besetzt.

Kann jeder Jobsharing?
Garbe: Uns begegnet immer wieder die Haltung: In meinem Job geht kein Jobsharing! Wir sind überzeugt: Das geht in jedem Job, aber es passt nicht zu jeder Persönlichkeit. Ich habe die Stelle sechs Jahre allein ausgefüllt, jetzt teile ich nicht nur meine Arbeitszeit, sondern auch meine Macht mit Frau Koffnit. Das muss man zulassen können. Hinzu kommt die ständige Auseinandersetzung im positivsten Sinne: Wann sagt Ihnen denn in einer Führungsposition jemand mal ganz ehrlich die Meinung? Auch das müssen Sie aushalten.

Empfinden Sie sich als Vorbilder?
Koffnit: Vor zehn Jahren wurde jede Führungskraft, die als Vater Elternzeit genommen hat, schief angeguckt. Heute hat sich die Gesellschaft verändert. Aber Wandel muss man begleiten, er passiert nicht einfach. Wir müssen ihn proaktiv vorantreiben, dafür einstehen, ein Role Model sein. Ja, ich empfinde mich als Vorbild und ich denke, unser Modell ist gerade für jüngere Generationen geeignet, die ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben wünschen.

 

 


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